3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T55: Pflerschtal → Unteres Inntal

Frank:

Wenn ich es nicht selbst gefahren wäre, würde ich es kaum glauben: Der Brenner„pass“ entsprach überhaupt nicht unseren Vorstellungen von einem Pass: Zuerst sahen wir einen Bach, der uns entgegenströmte (die Eisack), dann kamen wir durch ein Dorf namens Brenner und plötzlich war da ein Bach, dessen Strömung wir nun folgten (die Sill). Bis dahin kaum Serpentinen oder lange Anstiege: In der Tat waren Semmering und Schönfeldsattel da in meiner Wahrnehmung viel eher Pässe. Okay, danach ging es in etlichen Kurven lange Zeit bergab (leider über eine Bundesstraße) und die vielen herauffahrenden Radler (meist Rennradfahrer mit sehr verbissenen Gesichtszügen) hatten sicherlich das Gefühl einer Passfahrt. Doof, dass es auf diesen rund zehn Kilometern keinen Radweg gibt. Die ständigen Autos von hinten und von vorn waren schon ein großer Unsicherheitsfaktor. … Aber es ist alles gut gegangen.

Wieder einmal war für den Nachmittag Gewitter und Regen angesagt (und ab Mittag konnte man die dräuenden Wolken im Westen und Norden auch größer werden sehen), sodass wir es vorzogen, ganz ohne Kaffe und Kuchen bzw. lange Pausen durchzuziehen. So war es umso schöner, dass es zwei „Musspausen“ mit Überraschungen gab:

Die erste war ein Stopp an der Hängebrücke Matrei–Trautson … und die Tatsache, dass an der Straße ein Biobiker mit Burley-Anhänger stand. Exakt das gleiche Modell wie unserer und damit der vierte Einradanhänger auf der ganzen Route. Wir hätten den Besitzer gern gesprochen, haben ihn aber verpasst. Dafür war die Brücke natürlich ein besonderes Highlight.

Die zweite Pause nach dem Dorf Patsch war zuerst nur ein Fotostopp. Doch dann kam uns jemand zu Fuß mit breitem Lächeln entgegen und fragte uns, ob er ein Foto von uns machen solle, wo wir mal beide zusammen zu sehen sind. Oh, ein zuvorkommender Mitdenker! Da haben wir natürlich gern zugesagt. … Dann stellte sich heraus, dass er zu Fuß von Rom kommend auch mit einem Anhänger unterwegs ist – und das war für mich eine besondere Freude, denn nach meiner mehr oder weniger missglücken Hunsrück-Trekkingtour im letzen Jahr hatte ich darüber nachgedacht, ob es keine Anhänger für Wanderer gibt. Ich war nur im Ausland fündig geworden und bei einer deutschen Firma, die aber nicht mehr existierte. So hatte ich die Idee vorerst wieder auf Eis gelegt. … Und nun das: live, in Farbe und von einem sehr netten Weitwanderer namens Roland aus Bayern gezeigt und beschrieben. Wow! Super! Meine Begeisterung war groooß (und ich werde gleich mal sehen, was auf der Website des Konstrukteurs zu finden ist).

Apropos Mehrtagestouren:

Ich habe vor Jahren einen Kollegen kennengelernt, der in drei Wochen 6.000 km durch die USA gefahren ist. Er war mächtig stolz darauf – doch er gab zu, dass er die meisten Highlights erst im Nachhinein anhand von Fotos und Filmen „nach-erleben“ musste und sich an viele Details oder die Umstände der Aufnahmen kaum noch erinnern konnte.

Auch wenn ich eher ein „Wortdenker“ als ein „Bilddenker“ bin, kann ich mich an unglaublich viele Details unserer Trekkingtouren in Skandinavien erinnern. Natürlich helfen dabei auch Bilder in Fotoalben oder auf dem Rechner – doch mit ihrer Hilfe kann ich mich sofort mental an den jeweiligen Ort zurückversetzen: Ich sehe die Berge, die Vegetation, den Bach oder See mit unserem Zeltplatz vor meinem geistigen Auge und kann dort gewissermaßen wieder herumwandern.

Ich glaube, das liegt vor allem an der Geschwindigkeit, mit der man reist. „Eines Menschen Seele kann nur so schnell reisen, wie ihn seine Füße tragen“ ist ein Sprichwort unbekannter Herkunft, das häufig nordamerikanischen Indianern zugeschrieben wird. Egal, wer es gesagt hat – Sabine und ich wissen genau, was damit gemeint ist. Denn auch wir haben in Lappland oder auf unseren beiden Pony-Trekkingtouren in NRW genau diese Erfahrung gemacht. Scherzeshalber sagen wir, dass wir jeden Grashalm zwischen Trier, Wuppertal und Paderborn kennen, weil unsere Seele beim Wandern Zeit hatte, sehr viele Details aufzunehmen und zu verarbeiten.

Tatsächlich machen wir auf unserer Radreise die Erfahrung, dass wir schon ein wenig zu schnell unterwegs sind: Sabine war in Lienz dankbar für eine schmucklose weiße Wand im Zimmer, um die Eindrücke der Vortage in Ruhe verarbeiten zu können. Mir hilft das abendliche Schreiben am Blog, den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen. Und ich glaube, dass in jener „indianischen Weisheit“ (ähnliche Gedanken gibt es auch aus dem arabischen Raum, wo die Seele sinngemäß „im Tempo eines Kamels“ reist) tatsächlich eine Wahrheit steckt: Bei zu schnellem Reisen hinkt die Seele gewissermaßen hinterher.

Wieder einmal ein Indiz für unsere entfremdete, unnatürliche Lebensweise. Warum setzt sich eigentlich niemand für eine artgerechte Haltung unserer eigenen Spezies ein? Wir hätten sie ebenso nötig wie die Tiere, die in unserer Gefangenschaft leben. …

Wie dem auch sei: durch ein solche „Entschleunigung“ des Reisens profitiert man am Ende länger und nachhaltiger davon – würde ich sagen.

Das war das Wort zum Sonn- … äh … Montag 😉

2 Kommentare zu „T55: Pflerschtal → Unteres Inntal“

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