Sabine:
Es lebe das Vorurteil! Hier kommt meins:
Italien? Laut, voll, versteh nix, fahren wie die Irren, Chaos ohne Ende, Spaghetti, Familia, Pizza, Bambini. …
Regelmäßige Leser unseres Blogs sind bereits informiert: Vor Tagen schon wurden wir gewarnt, nicht den 5.000 Italienern auf ihren Fahrrädern entgegen zu fahren, sondern lieber mit dem Zug einen weiten Bogen drumherum zu machen. Und das war auch gut so. Wenn ich schon an die Hunde – einer oder auch zwei: in ihren Fahrradkörbchen sitzend, mit den Leinen und Halsbändern fest um jeweils ein Handgelenk geschlungen und am Fahrrad befestigt – oder den weißen bellenden Wischmop, zu groß für seinen Fahrradkorb und deswegen stehend rechts uns links überquellend beim Dauerkläffen, denke, wird mir ganz anders. Von den Bambini – zwar entzückend niedlich – aber auf ihren Minirädchen nicht wirklich tauglich um sich im Straßenverkehr zu behaupten, mal ganz abgesehen.
Nun, das ist Schnee von gestern und wir haben es überlebt. Ebenso das Chaos, welches verursacht wurde durch eine Baustelle und damit eine Fahrradumleitung nötig machte (auch Gestern). Ein großes Schild bezeichnete die Umleitung, aber als wir ihr folgten, standen wir vor Baustellenausfahrten, steinigen und mit Geröll belegten und steilen Waldwegen, Autobahnauffahrten und einer Sackgasse. Auch dem sind wir trotz Hitze und sich leerendem Fahrradakku entkommen.
Und heute ist der 15. August: Ferragosto. Die Geschäfte geschlossen bis auf eines – und das steuern wir erleichtert an, weil wir uns vor dem Wochenende ja versorgen müssen.
Den Einkaufszettel in der Hand hoffe ich, schnell zu erledigen, was ich als lästige, aber unvermeidbare Pflicht ansehe. Frank wartet wie immer in der Hitze.
Zuerst die Pfandflaschen. Da, ein Automat … leider nimmt er meine Flaschen nicht an. Ich frage eine Passantin, sie versucht es ebenfalls mit meinen Flaschen: Boden zuerst in das Loch, Öffnung zuerst in das Loch der Maschine. Klappt aber nicht, dann liest sie das Flaschenetikett, kommt aber zu keinem hilfreichen Gedanken. Doch da blitzt es ihr auf: In Italien gibt es kein Pfandsystem. Als ich zweifelnd auf die Pfandmaschine zeige, rät sie mir, dort vorn den Mann an der Information zu fragen. Das würde ich tun, die Information ist aber nicht besetzt. So beschließe ich, auf mein Pfand zu pfeifen, und werfe die Flaschen in einen viel zu kleinen Müllbehälter. Dann geht es hinein ins Geschäft. Mein Eindruck ist, dass alle Italiener, die nicht auf dem Fahrrad von Toblach nach Lienz sitzen, den Feiertag in diesem Geschäft verbringen. Der Laden ist riiiiiesig. Fleißige Angestellte füllen ein Kühlregal auf in einem Tempo, bei dem ich es nicht wage, mich dazwischen zu drängen, um dem selbigen etwas zu entnehmen. Stattdessen schaue ich mich nach Alternativen um. Das Gemüse und Obstangebot ist riesig. Aber wie verhalte ich mich richtig? Warte ich höflich, bis ich an der Reihe bin, eine Lücke frei wird und man mich ausrufen lässt? Oder nehme ich Ellenbogen und Hüften zu Hilfe, um Mama, Papa oder Kinder sanft, aber bestimmt zur Seite zu drücken? Ich komme mir sehr verloren vor und versuche, mit eingezogenem Bauch seitwärts ans Obst heranzukommen. Es gelingt tatsächlich. Erleichtert seufzte ich auf. Aprikosen habe ich schon. Jetzt Weintrauben. Das Spiel beginnt von vorn. Wo war gleich mein Einkaufswagen? Ah … dort! Es dauert, bis ich zusammen gesammelt habe, was wir benötigen. Dann stelle ich fest, dass ich in diesem Laden die Ware wiegen muss mit Hilfe einer Nummer. Deswegen drehe ich die Runde ein zweites mal gegen den Strom, um die Nummern zu finden.
Dann Käse. Ich suche und suche am Käseregal. Es ist lang, groß, hoch. Ein aufmerksamer, indisch aussehender Mitarbeiter fragt mich, ob er helfen könne. Dankbar bitte ich um fettarmen Käse. Er sucht mir etwas heraus. 45 % Fett in Tropfen. Dankend lehne ich ab und suche selbst, finde nichts und nehme eine Alternative. Dann Kaffee. Wo ist er nur? Ah, dort – ein riesiges, langes, hohes Regal mit Kaffee aller Farben und Formen. Löslicher Kaffee – den wir z.Zt. nur brauchen können – ist nicht dabei und so strecke die die noch vorhandenen Reste in Gedanken schon über das Wochenende. Joghurt fettarm finde ich erst nach ewigem Suchen, weil es in einem anderen Regal steht als Joghurt.
Was brauchen wir noch? Mein Zettel gibt an, dass etwas Süßes ausgesucht werden müsse. Das Regal ist hoch, lang, breit, doppelt. Nicht mehr bereit, mich mit Unnötigem aufzuhalten, wird Süßkram vom Speisezettel gestrichen. Tiefkühlgemüse ebenfalls. Die Auswahl ist zu groß, die Menschenmenge zu undurchdringlich. Mineralwasser – jetzt mache ich es kurz – gibt es nicht mit Kohlensäure und deswegen verzichte ich. Das Gewicht können wir uns sparen zu transportieren, trinken eben Wasser aus dem Hahn. An der Kasse bilden sich lange Schlangen, ähnlich Samstags bei Regenwetter im Ikea, aber ich halte tapfer durch und tauche eine Stunde nach Betreten des Geschäftes wieder bei Frank auf. Der teilt mir mit, dass er sich gesetzt hätte, hätte er nur geahnt, wie lange das dauert. …
Dann noch mal zehn Minuten Verkehr, hin und her fahren, bis wir wieder auf Tour sind.
Und danach fahren wir in den wunderschönen Ort Sterzing ein. Steigen vom Rad, weil wir die Altstadt zu Fuss durchqueren möchten und werden von Musik überrascht, die uns beiden reflexartig die Tränen in die Augen schießen lässt. Da steht ein Mann in der Sonne (unter uns gesagt, er sieht verdammt gut aus), auf dem Arm ein plüschiges Alpaka und singt wunderschöne italienische Opern zusammen mit seinem Alpaka. Er singt den Tenor, das Alpaka miemt die Sopranistin. Es ist lustig und ergreifend, diesen Bauchredner/Singer zu hören zu und beobachten. Spontan fallen wir auf die Stühle eines Straßencafés, genehmigen uns Kaffee und Kuchen und geniessen die Show. Ganz toll. …
Der Restakku bringt uns noch einmal weit in die Berge hinein ins Hotel Bergkristall. Dort steht uns ein Gepäckwagen zur Verfügung, der uns zum Staunen bringt, als wir ihn bepackt sehen. Macht er doch bildhaft deutlich, dass wir mindestens so viel Gepäck dabei haben, wie vor Jahren mit drei Personen nach Ecuador.
Es gibt sogar einen Aufzug und am Abend werden die Gäste eingeladen auf ein Getränk aufgrund des Feiertages. Soviel zumVorurteil:-) Und übrigens: Die Aussicht ist bombastisch!






















1 Kommentar zu „T54: Eisacktal aufwärts → Pflerschtal“
Die Fotos enthalten ja auch noch Kommentare😅 Ja, einfach nur schön❣ Und es braucht doch den langen Kommentar, um das Gesangsduo-Foto zu verstehen😏 Das sind die Begegnungen, die Reisen so attraktiv machen😀