3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T77: Siebengebirge → Kölner Bucht

Sabine:

Vorletzter Tag …

Ich nehme mir vor, ihn noch zu genießen, so gut es geht. Das Wetter spielt mit, der Rhein ist schön und die Parkpromenade bei Bonn ein Gedicht. So fahren wir – das Ende vor Augen – tief in Gedanken, langsam, jeder für sich. Abschied nehmend von phantastischen elf Wochen. 

Heute werden wir „Asyl“ finden bei Andrea und Michael in Köln, darauf freuen wir uns sehr, das ist ein wenig wie „schon mal freudig in Empfang genommen werden“ und ein wenig wie Urlaub. All zu früh möchten wir aber auch nicht ankommen, möchten den Rhein noch sehen, innerlich das Fast-Ende einläuten und bereit sein für die Ankunft. 

Es läuft … „bei nächster Möglichkeit rechts“ informiert uns das Navi. ???? Rechts? Nicht weiter am Rhein entlang? Nun denn – wird wohl richtig sein, denke ich. Manchmal müssen Industriegebiete o.ä. umfahren werden. Also rechts. Es dauert nicht lange, da ist klar: Die Route führt quer durch Troisdorf, Spich, Wahn. Mitten durch die Stadt, Lärm, Autos, Straßen, über Autobahnauffahrten. Für mich ist  das Stress pur. Wie konnte das passieren? (Erklärung: Navi hat die kürzeste, aber nicht schönste Strecke ausgewählt). Das Navi spricht, Frank spricht mir ins Ohr, der Verkehrslärm vermehrt die akute Reizüberflutung. Musste das jetzt noch sein? Ich schlage vor, direkt zum Rhein zurückzufahren, auch wenn die Strecke dadurch länger wird und so versuchen wir es. Rechts, links, rüber, drehen, wieder rüber dann auf eine breite schnell befahrene Strasse wechseln. Ich brauche eine Gelegenheit, um in Ruhe das Navi und die Route zu checken, gebe Frank das Kommando „links abbiegen auf die kleine Straße“, sause selber rüber und bleibe erleichtert stehen. Frank hat die Kurve nicht gekriegt, war zwei Meter zu weit vorn und hängt nun mit umgekippten Hänger mitten auf der Fahrbahn (die linke Achsverbindung hat sich durch den starken Winkel gelöst). Ein Lastwagen ist von Ferne schon sichtbar. Ich laufe auf die Straße, winke mit beiden Armen in voller Größe und bin erleichtert, als ich sehe, dass wir gesehen wurden und der Laster die Warnblinkanlage eingeschaltet hat. Gefahr vorbei. Zwei Männer von der Straßenaufsicht (zufällig vor Ort) kommen  zu uns und helfen, den quergelegten Hänger aufzurichten und von der Straße zu schaffen. Es ist nichts kaputt gegangen, Gott sei Dank! Aber … ich sag mal so: Wir waren richtig wach!

Erleichtert können wir die Tour fortsetzen, ab hier entspannt über Land und dann hat uns in Köln-Zündorf auch der Rheinradweg wieder. Jetzt erst mal Pause und zur Ruhe kommen. Ein wenig Picknick und das obligatorische Telefonat mit Hanspeter lassen uns wieder runterkommen.

Und dann beginnt der schöne Teil: Das Einfahren nach Köln, die Vorfreude auf Andrea, die uns abholen will, der Dom, den Frank als erster entdeckt. Köln zeigt sich hier von seiner schönsten Seite – so erleben wir es selten. Und da sind sie und strahlen uns an. Micha und Andrea stehen auf dem Weg und wir haben uns gefunden. Skurril, vertraut, neuartig die Situation. Ab hier brauchen wir kein Navi mehr, wir werden gelotst. Direkt in den Garten mit kalten Getränken, Kaffee, wir wissen kaum, was wir als erstes erzählen oder hören möchten. So viel ist passiert. Ich bin so froh, dass wir so verwöhnt werden. Micha kocht, wir dürfen ins kühle Gästezimmer, oh … frische Handtücher. Wir brauchen das Zelt nicht mehr auspacken, kein elf Wochen altes Handtuch rausholen (natürlich wurde das auch immer mal gewaschen – trotzdem), funktionierendes Wlan und das gute Gefühl, willkommen zu sein. Wir lassen den Abend im angenehmen Garten ausklingen, werden sicher nicht „alt“ werden heute.

Nur noch morgen … meine Gefühle sind sehr gemischt

4 Kommentare zu „T77: Siebengebirge → Kölner Bucht“

  1. @ Hanspeter: Die mathematische Beschreibung für den Zusammenhang von Geschwindigkeit und Erinnerung von Kundera ist faszinierend nachvollziehbar. Daran werde ich in Zukunft sicher noch so manches Mal denken.

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  2. Zum Abschluss wird es philosophisch:-)
    Auf der Suche nach inhaltsvollen Texten von Literaten und Philosophen zum Thema langsames Reisen (die Königsdisziplin wäre das Wandern! Das Radfahren lasse ich aber auch noch gelten:-) spuckt das Netz einiges aus. Angesprungen bin ich natürlich sofort bei Ernest Shackleton: Er betonte, dass man seinen Platz in der Welt erst findet, wenn man die Komfortzone verlässt und Zeit für Reflexion hat. Leider musste ich feststellen (erst beim nachhaken bei KI), dass es dazu keine Quellen gibt. Egal, gefällt mir trotzdem und bilde mir ein, dass E.S. es doch mal beiläufig gesagt hat.
    Zum brüllen war ein Text aus einem Buch des Park Rangers Edward Abbey: „Springt nicht im nächsten Juni in euer Auto und hetzt in die Canyon-Landschaft, in der Hoffnung, etwas von dem zu sehen, was ich in diesen Seiten versucht habe einzufangen. Erstens: Ihr seht aus einem Auto nichts. Ihr müsst aus diesem verdammten Ding aussteigen und zu Fuß gehen, besser noch kriechen, auf Händen und Knien über den Sandstein, durch den Dornbusch und den Kaktus. Wenn die Spuren von Blut euren Weg markieren, werdet ihr vielleicht etwas sehen. Wahrscheinlich aber auch nicht.“
    Und jetzt wird es mathematisch, aber trefflich von Milan Kundera aus: „Die Langsamkeit“:
    „Es besteht eine geheime Verbindung zwischen der Langsamkeit und dem Gedächtnis, zwischen der Geschwindigkeit und dem Vergessen. … In der existentiellen Mathematik bekommt diese Erfahrung die Form zweier elementarer Gleichungen: der Grad der Langsamkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität der Erinnerung, der Grad der Geschwindigkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität des Vergessens.“ 

    Liebe Sabine, lieber Fränk: Eure durchschnittliche Reisegeschwindigkeit deckt sich mit der ersten Gleichung.
    So sollte es auch am letzten Reisetag sein. Genießt die letzten Kilometer nach Hause und freut Euch auf die Dinge die Ihr vermisst habt…

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