3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T76: Mittelrhein → Siebengebirge

Frank:

Heute war Radfahren fast zu einfach. Strahlend blauer Himmel, kaum Wind, der Rhein als zuverlässiger Wegweiser und ein Radweg, auf dem man die Beine eigentlich nur noch kreisen lassen musste. Dafür war Sonntag – und entsprechend voll wurde es im Lauf des Tages. Rennräder, E-Bikes, Familien, Reisegruppen: Am Rhein herrschte zeitweise beinahe Berufsverkehr. … Was gibt es sonst zu erzählen? Ich werde heute mal ein wenig „klugscheißen“ über seeehr alte Dinge, die zeigen, dass die Erde immerzu im Wandel ist:

Geologisch betrachtet war die Strecke nämlich alles andere als eintönig. Schon unser Start in Leutesdorf liegt am Rande des Westerwaldes, der zum Rheinischen Schiefergebirge gehört. Die Gesteine hier sind überwiegend rund 400 Millionen Jahre alt. Sie entstanden im Erdaltertum zunächst als Sedimente in tropischen Meeresbecken – wo Europa damals lag – und wurden später während der variszischen Gebirgsbildung gefaltet, geschiefert und zu einem gewaltigen Hochgebirge zusammengeschoben. Von diesem Gebirge ist heute natürlich nichts mehr in seiner ursprünglichen Form übrig. Jahrmillionen der Abtragung machten daraus zunächst eine vergleichsweise flache Landschaft, die erst viel später wieder angehoben wurde.

Und genau diese jüngere Hebung erklärt eines der auffälligsten Landschaftsbilder unserer heutigen Etappe: das enge Rheintal. Der Rhein war nämlich schon da, bevor sich das Rheinische Schiefergebirge erneut hob. Statt sich einen bequemeren Weg außen herum zu suchen, hielt der Fluss an seinem alten Lauf fest und schnitt sich während der Hebung immer tiefer in den Untergrund ein. Geologen nennen so etwas einen antezedenten Fluss – vereinfacht gesagt: Der Fluss ist älter als das Gebirge in seiner heutigen Gestalt. So entstand das berühmte Durchbruchstal des Mittelrheins mit seinen steilen Hängen. Das heutige Tal selbst ist geologisch vergleichsweise jung; seine starke Eintiefung geschah vor allem im Quartär, also in den letzten rund 2,6 Millionen Jahren.

Während wir gemütlich nordwärts rollten, lag außerdem eine ganz andere geologische Welt fast in Sichtweite. Westlich des Rheins beginnt die Osteifel, deren Vulkanismus bis in geologisch allerjüngste Zeit reicht. Die gewaltige Eruption des Laacher-See-Vulkans liegt nur etwa 13.000 Jahre zurück; ihre Tuffablagerungen wurden später sogar von den Römern als Baustoff abgebaut. Und auf dem Namedyer Werth bei Andernach treibt bis heute aufsteigendes Kohlendioxid den bekannten Kaltwassergeysir an (den wir diesmal jedoch nicht besucht haben; kennen wir schon). Zwischen den 400 Millionen Jahre alten Schiefern und solchen beinahe „frischen“ vulkanischen Spuren liegen also buchstäblich ganze Erdzeitalter.

Kurz vor dem Ziel ändert sich die Landschaft noch einmal deutlich. Südlich von Bonn endet das enge Mittelrheintal, und der Rhein tritt in die Niederrheinische Bucht hinaus – eine tektonische Senkungszone, die sich nach Nordwesten fortsetzt und bis heute nicht völlig zur Ruhe gekommen ist. Dass es hier gelegentlich Erdbeben gibt, gehört zum selben geologischen Zusammenhang.

Und rechts über dem Rhein erhebt sich schließlich unser geologischer Schlussakkord: das Siebengebirge bis nach Bonn-Oberkassel. Seine Vulkanaktivität begann vor ungefähr 25 Millionen Jahren. Zunächst wurden große Mengen Asche und Tuff ausgeworfen; später drangen zähere Magmen in diese Ablagerungen ein und erstarrten zu Trachyt, Latit und Basalt. Die heutigen Berge sind deshalb nicht einfach erhaltene Vulkankegel. Vielmehr hat die Erosion die weicheren Tuffe abgetragen und die härteren vulkanischen Kerne herauspräpariert – daher die charakteristische Kette aus Drachenfels, Petersberg, Ölberg und ihren Nachbarn.

So wurde aus einer ausgesprochen entspannten Sonntagsfahrt ganz nebenbei eine Reise durch rund 400 Millionen Jahre Erdgeschichte: vom variszischen Urgebirge über den sich einschneidenden Rhein bis zu Vulkanen, die gegenüber diesem alten Schiefergebirge beinahe Jugendliche sind.

Übernachtet haben wir diesmal in einem Hotelzimmer in Oberkassel. … Unterwegs sahen wir natürlich – wie könnte es anders sein – auch haufenweise Hunde aller Couleur: von Taschenzombis bis zu Kampfhunden war alles dabei. Schon verrückt, was der Mensch so alles aus dem Wolf gezüchtet hat. Und schnell landet man bei der Frage, wie lange es wohl schon Hunde gibt (also domestizierte Wölfe)? Einer der weltweit bedeutendsten und ältesten Funde eines Haushundes stammt aus Bonn-Oberkassel: Dort wurde 1914 ein rund 14.000 Jahre altes Doppelgrab entdeckt – zwei Menschen zusammen mit einem Hund.

Wusste ich bis heute übrigens auch nicht. Was man so alles im Internet entdecken kann … neben schauerlichen Nachrichten und nervtötender Werbung. 😉

Doch kommen wir unserer Reise wieder näher – mit Sabines „Tour-Abriss“

Sabine:

Noch zwei Tage, dann werden wir wieder zu Hause sein. Ein merkwürdiger Gedanke: Sooo viel ist passiert in nur elf Wochen, so vieles gesehen, so viel geschwitzt, so viel gestaunt und so viel Glück gefühlt. …

  • Wir werden fast 3.500 km gefahren sein,
  • haben 1 Fahrrad gekauft, 2 neue Reifen, 2 x Bremsbeläge, 2 Bremsscheiben, 1 neuen Schlauch, 2 Fahrradachsen, 2 ergonomische Handgriffe (Fehlkauf), 4 Schrauben für Sabines Lenkerkorb, ein Gummiband für die erschlafften Federn am Burley-Ständer, eine Fahrradpumpe, eine Popocreme und zwei Intercom-Geräte, darüber hinaus einen neuen mobilen Hotspot.
  • wir hatten 2 x einem „Platten“,
  • waren 8 mal in einem Fahrradladen.
  • haben 2,5 Flaschen Sonnencreme verbraucht,
  • 1 x hatten wir keine Dusche,
  • 1 x ab 7:00 Uhr morgens kein WC mehr zur Verfügung.
  • Wir hatten 78 Tage lang dieselbe Hose an, dieselben 2 Shirts und zumindest ich keine Strümpfe.
  • Wir haben 3 x Regen erlebt und an 76 Tagen die Sonne gesehen – 47 x in Zimmern übernachtet und  30 x im Zelt.
  • 1 mal war Frank krank und wurde wieder gesund
  • Unendlich viele vertrockenete Maisfelder haben wir gesehen, verdorrte Gemüse, hängende Blätter und niedrige bis trockene Flussbetten …
  • aber auch phantastische Landschaften, Berge, Täler und viiiiel Himmel und Sonnenschein.
  • Meistens hatten wir gute bis sehr gute Laune und Lust auf den Tag. Nur selten gab es Lustlosigkeit, meistens wg. Schlepperei von Gepäck Treppen hinauf oder hinunter.
  • Nur einmal waren wir nicht willkommen und das ließ man uns auch spüren und nur einmal hat uns das Essen nicht geschmeckt.
  • 2 x musste Frank sich einer Haarschneideprozedur unterziehen (die „Donauwelle“ ist noch immer zu sehen.)
  • … und jeden einzelnen Tag waren wir dankbar, dass alles so gut geklappt hat, wir diese Reise machen durften und konnten, dass es keine ernsthaften Probleme gab und dass das Radfahren uns immer wieder neuen Schwung gegeben hat.
  • Dass wir das Land und die Landschaft auf eine andere Art als sonst „erfahren“ durften und anders begreifen konnten, als vom Auto oder vom Atlas aus.
  • Und wir freuen uns darüber, dass wir so viel Zuspruch von euch bekommen haben, dass ihr mit dabei wart und virtuell ein wenig mit uns gereist seid – uns Tipps gegeben habt, uns Bilder geschickt habt von zu Hause, uns Neuigkeiten berichtet habt uns uns Mut zugesprochen habt, wenn es mal eng wurde. 

Nun sind es noch zwei Tage, übermorgen werden wir zu Hause ankommen. Heute war noch einmal ein richtiger „Urlaubstag“. Nicht zu lang, sonnig, leicht, wir haben ihn genießen können, haben den Rhein um Königswinter erradelt, waren zum Essen mit Rheinblick und Kaffeetrinken mit Blick auf den Drachenfels.

Dadurch, dass die heutige Strecke deutlich kürzer war als diejenigen der Tage vorher, hatten wir Zeit genug, uns mit den letzten elf Wochen auseinanderzusetzen. Frank fragte mich, ob ich es nochmal machen würde. „Ja“, sagte ich. „Vielleicht nicht mehr ganz so lange“. Und auch Frank selber würde wieder losziehen wollen. Er würde nur Kleinigkeiten an der Ausrüstung ändern. 🙂

So sind wir nun sehr zufrieden, haben ein billiges Zimmer in Bonn, liegen auf den Betten und bereiten uns mental auf die Rückkehr vor. Zwei Tage noch und der Rest von heute. …

Schreibe einen Kommentar