Sabine:
Ich mache es heute mal ganz kurz:
Es ist ein heißer, aber wundervoller Tag: Mit der Seilbahn hoch, rumspazieren und staunen. An jeder Ecke eine neue Staunpause und Frank pflückt mir eine Menge Himbeeren, die ich liiiiiiebe. Sommerrodel runter. Es ist einfach nur toll!!!
Und jetzt müüüüde 🙂
Frank:
Im Gegensatz zu Radtagen oder gezielten Wanderungen wollten wir heute einfach nur ganz nach oben und ziellos umherspazieren. Dabei genossen wir von der ersten bis zur letzten Minute den Blick auf die fantastische Bergwelt – oder besser: Wir waren überwältigt, ja ergriffen. …
Kennst du das Gefühl auch, wenn der Anblick einer grandiosen Landschaft oder eines seltenen Naturereignisses (wie der heutigen partiellen Sonnenfinsternis) regelrecht von dir Besitz ergreift, dein Bewusstsein ausfüllt und ganz große Emotionen auslöst?
Wir haben viel darüber philosophiert, was in solchen Momenten mit uns geschieht – was es bedeutet, ergriffen zu werden. Vielleicht ist es die räumliche und zeitliche Unnahbarkeit: der Eindruck von etwas „Unvergänglichem“, das scheinbar jedem Wandel trotzt; das wir kaum oder gar nicht beeinflussen können; die Begegnung mit einer unfassbaren Größe, die uns selber ganz klein erscheinen lässt.
Vielleicht ist es das eigentümliche Gefühl, für einen Moment aus der eigenen Innenwelt herauszutreten. Die Landschaft ist nicht für uns da, sie braucht uns nicht, und sie wird noch da sein, wenn wir längst verschwunden sind. Darin könnte etwas Befreiendes liegen: Das eigene Leben verliert für einen Augenblick seine alles beherrschende Wichtigkeit, ohne deshalb bedeutungslos zu werden. Im Gegenteil – man erlebt sich zugleich als winzig und als Teil eines unermesslich größeren Zusammenhangs.
In der Philosophie werden solche Erfahrungen mit dem Begriff des Erhabenen benannt. Schönheit erfreut uns; das Erhabene dagegen überwältigt uns. Es entsteht dort, wo unsere Vorstellungskraft an Grenzen gerät – angesichts gewaltiger Berge, unüberschaubarer Weite, unüberbrückbarer Entfernungen, ungeheurer Zeiträume oder der Macht der Natur. Vielleicht liegt das Ergreifende vor allem in diesem Widerspruch: Wir können das, was wir sehen, nicht wirklich umfassen – und versuchen es dennoch.
Die Psychologie spricht dabei von awe, einer Mischung aus Staunen und Ehrfurcht. Zwei Dinge lösen sie besonders häufig aus: die Begegnung mit etwas, das unsere gewohnten Dimensionen übersteigt, und die Erfahrung, dass unsere bisherigen Vorstellungen nicht ausreichen, um es vollständig einzuordnen. Das Gehirn muss seine gewohnten Kategorien gleichsam ein Stück weit öffnen und erweitern.
Vielleicht ist das also eines der seltenen Gefühle, bei denen das Kleinwerden des eigenen Ichs nicht als Verlust empfunden wird. Im Alltag sind wir fast zwangsläufig Mittelpunkt unserer Wahrnehmung: unsere Pläne, Sorgen, Bedürfnisse und Erinnerungen bestimmen den Horizont. Vor einem ergreifenden Anblick verschiebt sich dieser Horizont. Für einige Augenblicke sind wir eben nur noch ein winziger Bestandteil des Ganzen.
Wir fragten uns auch, ob es den Menschen immer schon so ging. Oder muss man dazu eine romantische Ader haben, die die Welt verklärt? Wurden Menschen, die früher unter schwierigen Umständen in Bergregionen leben, auch ergriffen? Oder verlagerte sich das Erhabene bei ihnen noch höher in den Himmel, zu Sonne, Mond und Sternen? … Keine Ahnung. Jedenfalls sind wir froh, diese Empfindungen gemeinsam teilen zu können!
… Und dann durften wir Abends nochmals staunen: Die partielle Sonnenfinsternis bliebt zwar hier hinter Wolken, aber das besondere Licht der Sonne zauberte magische Wolken und ließ die Alpen glühen.































4 Kommentare zu „T51: In Lienz“
„Staunpause“😀
Gefühle der Erhabenheit von Landschaft, von Naturereignissen bedürfen bei mir, glaube ich, der sozialen Einbettung, damit sie mich zu Tränen oder Gänsehaut rühren. Franks beschriebenes Spannungsverhältnis erinnert mich an das Buch „Unverfügbarkeit“ von Hartmut Rosa, der die Resonanztheorie entwarf.
Ah, spannend! Da muss ich doch gleich mal nach Hartmut Rosa recherchieren. 🙂
Liebe Sabine, lieber Frank,
langsam komme ich mir wie ein Dieb oder wie ein Spanner vor,
mit Spannung verfolge ich eure schöne Reise,
lache mit euch, leide mit euch,
bin ergriffen, amüsiert oder erstaunt,
bewundere euch, beneide euch und begleite euch,
habe aber noch kein einziges Mal einen Gruß da gelassen.
Hiermit trete ich aus dem Schatten heraus,
grüße euch herzlich,
wünsche euch noch viele weitere schöne Tage und Erlebnisse
(und uns vergnügliches Lesen derselben)
und lasse eine ganz liebe Umarmung für euch hier.
Silke
Liebe Silke,
wir wussten auch so, dass du ab und an mal hier gucken würdest:-) Du bis viel zu computeraffin, um es nicht zu tun. Aber jetzt freuen wir uns sehr über deine Grüße. Unsere Vorstellung, war, dass du noch immer sehr mit dir und deinem Umfeld beschäftigt bist. Wir freuen uns auf eine ganz bestimmt stattfindendes „Fingerfood“. Fühl dich gedrückt, umarmt und vermisst. Frank und Sabine