3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T50: In Lienz

Sabine:

Heute ist ein komischer Tag. … Eigentlich beginnt er prima. Frische Temperaturen, leicht bewölkt. Laune vorfreudig.

Das Ziel ist die Dolomitenhütte, zu der wir mit dem Fahrrad fahren wollen. Die ganze Strecke sei asphaltiert. 

Ja, es stimmt: Wir fahren auf einer breiten, gut ausgebauten Straße – bergauf. Steil bergauf. Ununterbrochen sehr steil bergauf. Den Mautbalken können wir umfahren, keine Maut für Radler. Und immer noch bergauf, steil. Seit über einer Stunde schon. Meine Oberschenkel brennen, trotz E-Bike und trotz ohne Gepäck. Bei einer erflehten Pause meinerseits müssen wir die Räder gut halten, sonst rollen sie ohne uns wieder ins Tal zurück.

Ich beginne zu überlegen, dass ich diese gut ausgebaute asphaltierte Straße auch wieder runterfahren muss. Brennen die Bremsen dann durch? Werden sie zu heiß? Können das meine Hände? Wir strampeln und schwitzen weiter. Mein Akku ist halb leer und zeigt fünf noch fahrbare Kilometer an. Ich wühle weiter düstere Gedanken durch mein Hirn. Beim Bremsen benötige ich keinen Strom, aber auf der Talsohle angekommen, sind es auch noch ca. acht Kilometer bis nach Hause, das letzte Stück bergauf … ???

Meine Bremse hinten macht mir Sorgen. Gestern haben wir sie anschauen lassen und es sei alles in Ordnung, so wurde uns gesagt. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmt. Ich kann die Bremse bis zum Griff ziehen. Das kann nicht richtig sein. Die Bremswirkung ist schwächer als vorn und außerdem ölt der Bremsgriff schmierig. Das ist links  nicht der Fall.

„Ich dreh um“,  teile ich dem entsetzen Frank mit. Der hat sich schon auf den Ausblick gefreut. Ich auch. Aber ich habe keine Lust, das schwere Rad ohne Strom nach Hause zu fahren und will es nochmals kontrollieren lassen. So fährt Frank bis zur Hütte hoch mit dem Auftrag, mir alles genau zu erzählen und Fotos zu machen. 

Währenddessen mache ich mich zu Fuß auf den Rückweg. Es dauert nicht lange, und es schmerzen die Knie wegen der Steilheit. Das kenne ich schon und ich mache es gemütlich. So schlurfen mein gebremstes Rad und ich entspannt auf der linken Seite bergab.

Von vorn kommt ein schwitzender Rennradfahrer auf mich zu. Er tritt gewaltig, Blick nach unten. Vorsichtshalber bleibe ich stehen. Das gibt es doch nicht – er kommt näher und näher … und fährt in uns hinein. Ich kann es nicht glauben und frage ihn, ob er noch alle Nadeln an der Tanne habe? Er schimpft und ich lasse ihn stehen. Es ist nichts passiert. Und irgendwie ist es auch lustig. Allerdings stehe ich zu Rennradfahrern etwas anders, seit dieser Unfall mit Thomas passiert ist. Es erinnert mich daran, wie slapstickartig Teenies mit ihren Handys unaufmerksam vor eine Laterne laufen.

Da kommt auch schon Fränkie angesaust. Er hat ein paar Pflichtfotos gemacht und schnell wieder umgedreht. Wir schieben-fahren-schieben-fahren zurück, machen Pause an einem wunderschönen Bergsee, füttern bettelnde Enten mit Nüssen und Bananen, trinken dort Kaffee und fahren im Anschluss zum Fahrradladen. Dort informiert man uns, dass der Griff kaputt sei und wir das Rad in drei Stunden holen können. Mit einem Seufzen (ich kann es nicht ändern, es muss ja gemacht werden) schicke ich Frank nach Hause. Es reicht, wenn einer die Strecke laufen muss.

Mittlerweile ist es auch wieder heiß geworden. So flaniere ich neugierig in einen Bioladen (da läuft die Klimaanlage) und komme mit der Besitzerin ins Gespräch, erzähle, dass ich zu Hause ebenfalls in einem kleinen Laden beschäftigt bin. Es dauert nicht lange, da bietet sie mir einen Job an ab Ende des Jahres. Ich solle drüber nachdenken. Finde ich cool. Was soll ich tun? (Zwinker 🙂 ).

Als ich endlich den Berg hoch geschlichen bin zu unserer Wohnung, bin ich froh. Frank, der Gute verspricht, gleich mein Rad zu holen, da freue ich mich. … Insgesamt ein komischer Tag.

Um dem komischen Tag noch die Krone aufzusetzen, passiert folgendes, nachdem Frank mit meinem reparierten Fahrrad zu Hause ankommt:

Ich beginne, das Essen vorzubereiten. Kartoffeln von gestern soll es geben, mit Salat. Ich verteile Öl in einer Pfanne und stelle den Herd an. … Mit nachdenklichem Blick in die heiße Pfanne kommt mir folgender Gedanke: Ist es Öl, oder ist es etwa … ???

Sicherheitshalber tippe ich den Finger in die Pfanne und probiere vorsichtig. Es schmeckt zuerst salzig, dann fies, brrr. Und schlagartig wird mir klar, dass ich zu Hause das Öl aus unserer Verpflegungskiste wieder ausgepackt und stattdessen Spülmittel mitgenommen habe.

Dank unserer netten Vermieterin konnten die Kartoffeln doch noch in Olivenöl Farbe annehmen, nachdem ich zuerst gespuckt, dann gespült und noch gegurgelt habe … bahhhh!

5 Kommentare zu „T50: In Lienz“

  1. Liebe Frank und Sabine, endlich kam ich gestern dazu, in Euren Blog zu schauen: Radeldidö, was habe ich gestaunt😯😯😯
    Erst staunte ich, dass Ihr in Mittel- statt Nordeuropa unterwegs seid. (Offenbar kam für mich nach all den Gesprächen über Schweden und den Trollchor kein anderer Gedanke 🙃)
    Dann staunte ich über den hohen technischen Standard des Blogs❣)
    Schließlich staune ich über Eure vielen Einträge (ganz zu schweigen von den vielen Fotos 😅). Zu dem zum Klimawandel eine Anmerkung:
    Durch Wuppertal kam am 5.8.26 die internationale Fahrradstaffel COP Bike Ride von Amsterdam nach Antalya. Sie fährt unter dem Motto „Ride slower, change faster!“ und sammelt Botschaften für die UN-Klimakonferenzen (COP30 in Brasilien und COP31 in Antalya). Das Teilstück von Amsterdam nach Aachen fand vom 30. Juli bis 9. August 2026 statt.

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    • Hej Uwe, na klar, wir bringen unsere Freunde immer wieder gern zum Staunen 😉 Ich hatte übrigens vor der Tour unseren (augenscheinlich hypermodernen proaktiven) Öko-Stromversorger Plan B Net Zero angeschrieben, ob sie unsere Tour sponsern wollen. Dafür hätten wir u.a. Flyer auf Campingplätzen verteilt u. unseren Anhänger werblich aufgerüstet. Leider haben wir nie eine Antwort bekommen (dafür liefern sie zum Glück verlässlich Strom 🙂 )

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