3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T49: In Lienz

Frank:

Manchmal braucht man glückliche Zufälle, um unliebsame Ereignisse zu vermeiden (und erstaunlicherweise war das nicht der erste dieser Art; doch das ist ein anderes Thema).

Für die Italiener ist das Ereignis, um das es hier geht, alles andere als unliebsam. … Doch von vorn:

In unserer letzten Unterkunft in Berg im Drautal plagten mich wieder einmal Kopfschmerzen am Morgen, weil das Kissen für mich zu flach war. Sabine sprach daraufhin die Chefin an, die gern aushalf. Als sie dabei unseren Anhänger und die Mengen an Gepäck sah, fragte sie uns nach unserer Reise. Sie war beeindruckt – doch als wir erzählten, dass wir in ein paar Tagen von Lienz nach Toblach radeln würden, rief sie spontan aus: „Macht das nicht! Um Ferragosto spielen die Italiener verrückt …“ (da war das Wort, dass wir nicht kannten) „… und fahren zu tausenden mit dem Fahrrad von Toblach nach Lienz herunter. Alles, was sich noch so eben auf dem Rad halten kann, macht mit. Für die Italiener ist das eine riesige Gaudi, doch sie fahren oft nebeneinander und bei den Massen kommt es immer wieder zu Unfällen. Im letzten Jahr landeten fast 90 Menschen im Krankenhaus. Wenn ihr das macht, fahrt ihr mit euren schweren Rädern gegen den Strom. Das ist hoch gefährlich! Macht das besser nicht!“

Uns standen vor lauter ungläubigem Staunen die Münder offen und wir fragten, was denn die Alternative wäre. „Fahrt in der Früh mit dem Zug nach Toblach und von dort weiter mit dem Rad Richtung Brixen.“ …

Als wir gestern einige Stunden später in Lienz ankamen, fragten wir dort auch unsere neue Vermieterin nach diesem ominösen Ferragosto – und sie bestätigte die Bedenken in jeder Weise. Blöd war, dass wir am Brenner bereits ein Hotel gebucht hatten. Gut war jedoch, dass wir in Toblach bislang nichts (bezahlbares) finden konnten. Die Preise für die Tage um den 15. August – den Feiertag Ferragosto (‚Festtag des Augustus‘) – sind horrend: Unter 200 € ist nahezu unmöglich, 300 bis 600 € sind normal … und man kann auch über 1.000 € für eine Nacht zahlen, wenn man will.

Was hat es nun mit diesem Tag auf sich? In Wikipedia kann man lesen:

„Ferragosto ist einer der wichtigsten kirchlichen und familiären Feiertage Italiens. Der 15. August gilt in Italien als der heißeste Tag des Sommers und kennzeichnet somit den ‚Wendepunkt des Sommers‘.

Der Feiertag geht auf den ersten römischen Kaiser Augustus zurück: Am 13., 14. und 15. August 29 v. Chr. feierte dieser in Rom nach seinen Siegen über Marcus Antonius und Kleopatra bei Actium und Alexandria einen dreitägigen Triumph – offiziell für die Eroberung Ägyptens. Die Jahrestage und später nur der 15. August waren von da an im ganzen römischen Reich Feiertage „feriae Augusti“.

Um diesen Tag herum planen die heutigen Italiener ihren Urlaub, zumeist im eigenen Land, und zwar dort, wo es kühl ist: am Meer oder in den Bergen. Deshalb verstehen viele Italiener unter Ferragosto auch den gesamten Urlaub, den sie um den 15. August nehmen. Dieser Zeitraum ist fast wie staatlich angeordnete Ferienzeit zu betrachten. Nahezu das gesamte administrative und wirtschaftliche Leben kommt zum Erliegen.

Es muss mit vollen Stränden, langen Staus, ausgebuchten Pensionen, Hotels, Restaurants und Campingplätzen gerechnet werden. Folgerichtig kennzeichnet Ferragosto auch den Mittelpunkt der Höchstsaison. Zu keinem Zeitpunkt ist das Urlauberleben in Italien teurer, aber auch lebendiger und reicher an Veranstaltungen als in den Tagen rund um Ferragosto. Überall wird gefeiert und der Abend vielerorts mit einem Feuerwerk um Mitternacht abgeschlossen. In den Großstädten und in Orten außerhalb der Ferienregionen ist dagegen damit zu rechnen, dass die meisten Läden, Restaurants, Theater, Kinos, Werkstätten, aber auch Behörden geschlossen sind.“

… und in Norditalien machen sich Familien, Clans und „Horden“ auf den Weg nach Toblach, um voller Lebensfreude im Pulk mit dem Rad nach Lienz zu rollen. Man könnte auch sagen: Tutta l’Italia è in delirio (Ganz Italien spielt verrückt).

Wegen des gebuchten Hotels nächsten Freitag und des Ausfalls einer Unterkunft in Toblach werden wir einfach einen Tag länger in Lienz bleiben – und Freitag früh ein zweites Mal das Abenteuer Bahnfahren mit Rad testen (und dann hoffentlich am 14. ein Plätzchen auf dem Campingplatz bei Brixen zu bekommen) Drück uns die Daumen! 😉

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