Sabine:
Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht damit:
Bei wieder mal bestem Wetter sind wir unterwegs zum nächsten Berg, diesmal gegenüber dem gestrigen, zum Steinermandl. Dekadent möchten wir nochmals einen Höhenrekord per Lift brechen und müssen hinnehmen, dass unsere hochfliegenden Träume durch einen defekten Sessellift jäh zerplatzen. Dennoch entscheiden wir, wenigstens die erste Gondel zu nutzen, auch wenn es danach nicht weiter hinaufgeht – zumindest nicht hyperbequem.
Bei frischen 19 Grad im Schatten kann man schon unternehmungslustig werden und wir beschließen, dem stillstehenden Lift soweit zu folgen, wie es Füße und Hitze zulassen. Es sieht gar nicht weit aus. …
Sowohl Frank als auch ich haben keine Bergschuhe dabei und haben uns für unsere Trekkingsandalen entschieden, wohl wissend, wie blöd das eigentlich ist. Wir wollen ja auch nur so weit gehen, wie es geht … wenn es geht. …
Und dann lockt der Horizont. Es sieht immer noch nicht weit aus, obwohl uns schon mächtig warm ist. Die Sonne brennt, kein Schatten in Sicht und ich flutsche in meinen untauglichen Schuhen seitlich raus. Der Schweiß tut seins dazu. Es ist schön hier oben, die Aussicht und die Kühe. Je höher wir steigen, desto höher die Dichte der Kühe. Ganze Herden grasen gemächlich und bieten was fürs Auge. Beim Näherkommen muss ich feststellen, dass sich eine Herde Haflinger farblich zwischen den Kühen gut getarnt hat. Ich muss genau hinschauen, ob es sich um eine Herde Kühe oder eine Herde Pferde handelt? Sie scheinen friedlich miteinander auszukommen. Ein schönes Beispiel für geglückte Migration, denke ich und stapfe noch ein Stück.
Und dann ist er doch erreicht, der Punkt des Aufgebens meinerseits. Die Sonne macht mir zu schaffen, ich kann nicht mehr und runter muss ich ja auch noch. Und so vereinbaren wir ein weiteres Mal, dass Frank hochläuft, auf der anderen Seite runter schaut und ich einige Meter weiter auf die dortige Hütte zugehe, um im Schatten zu warten.
…
Schon von weitem höre ich die Kuh brüllen. Sie hört gar nicht mehr auf und meine Neugier erwacht. „Muh, Muh“. Eine Frau steht daneben und ich erkenne, dass ein neugeborenes Kälbchen dort liegt und von seiner Mutter lautstark angefeuert und gestupst wird. Es will aufstehen, aber seine Mama stellt sich etwas ungeschickt an und stößt es immer wieder um. „Muhhh, Muhhh“.
Rutschige Sandalen, Hitze, Sonne und Frank sind vergessen. Fasziniert beobachte ich aus dem Schatten eines Skilift-Häuschens heraus, wie sich das Kleine bemüht und die Frau daneben offenbar helfen will. „Muhhhhhh“. Es dauert. Da kommt die Frau auf mich zu – sie hat bemerkt, wie lange ich schon dort stehe und zuschaue und klärt mich auf: „Da kommt noch ein zweites Kälbchen, aber die Kuh ist so verrückt auf das erste Kind, dass sie sich auf die Geburt des Zweiten nicht konzentrieren kann“.
Die Kuh legt sich hin, steht wieder auf. „Muhh, muhh“. Mittlerweile ist Frank wieder bei mir, er war oben an der Liftstation, hat aber nicht mehr sehen können als ich. Wir unterhalten uns mit der Kuhhirtin, wie sie sich selbst bezeichnet. Für über 170 Kühe ist sie hier verantwortlich. Es sind die Kühe von mehreren Bauern – diese waren zuerst nicht begeistert, dass eine Frau diesen Job machen wollte. Weil ihr Lebensgefährte ebenfalls mit auf der Alm wohnt, hatten sich die Bauern dann doch einverstanden erklärt.
Und dann werden wir Zeuge, wie die Kuh nach einiger Zeit ihr zweites Kind gebärt. Die Kuhhirtin muss helfen und zieht kräftig mit Hilfe eines Handtuches an den Vorderbeinen, die schon zu sehen sind. Und dann geht es ganz schnell. Wir dürfen näherkommen und das Wunder bestaunen. Die Kälbchen sind sooo klein, unfassbar … liegen nass und schlapp auf der Wiese, während ihre Mama von einem zum anderen geht, leckt und stupst. Einen Eimer mit Wasser nimmt sie dankbar und trinkt.
Gestern hat Frank über Ergriffenheit geschrieben, heute läuft uns das Herz über.
Was für ein wunderbares Erlebnis in 2000 Metern Höhe mit Aussicht!!!


























2 Kommentare zu „T52: In Lienz“
Was war das doch für ein schönes und ergreifende Erlebnis für euch. Die spontanen Erlebnisse sind meistens die Schönsten. Wünsche euch noch ganz viele schöne Eindrücke. LG Silke
Danke, Silke. Fingerfood wartet schon:-))