3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T45: Oberes Murtal aufwärts → Lungau

Sabine:

Komischer Tag heute.

Da uns wieder einmal Gewitter und viel Regen versprochen wurde, haben wir uns gestern Abend den Wecker gestellt, um schon früh den aktuellen Wetterbericht zu sehen. Lustigerweise höre ich in der Ferne einen Wecker nach dem nächsten klingeln, einige sogar mit demselben Klingelton, den auch ich auf dem Handy habe. Offenbar haben viele Hotelgäste denselben Gedanken gehabt und ebenso das Fenster weit offen. … 

Um 12 Uhr soll es gewittern, deswegen schieben wir uns unlustig aus dem Bett, um schon mal unser Fahrrad zu satteln und zu beladen. Mit erhobenem Finger erklärt uns die Wirtin, dass wir mit Frühstück frühestens um 7:30 Uhr rechnen dürfen. Immerhin lässt sie sich herab, uns den muffig riechenden Fahrradkeller aufzuschließen, sodass wir aktiv werden können.

Und nach einem mäßig guten Frühstück schwingen wir uns aufs Rad und genießen bei herrlichen 20 Grad die wunderschöne Landschaft.  Wir sind als „Geisterfahrer“ unterwegs, wurde uns gesagt, nämlich als einzige gegen die Flussrichtung, während die große Menge an Radfahrern die andere Richtung nimmt. Jetzt verstehe ich es besser: Die ganzen Tage schon kommen uns permanent Radler entgegen, die alle freundlich grüßen und wir natürlich zurück grüßen. Für die anderen ist es eine Freundlichkeit, für uns zuerst auch. … Aber sie grüßen einmal, wir hunderte Male :)) 

Natürlich treten wir rein in die Pedale, wollen vor dem Wetter ins nächste Bett hineinfallen und viel zu früh kommen wir an. Wie schade, schon jetzt den Tag zu beenden – es ist eine Vernunftsentscheidung.

Es ist schön, dass wir diesmal ebenerdig wohnen, d.h. wir können unser Gepäck direkt vom Rad ins Zimmer tragen, welch ein Luxus.

Nebenan gibt es einen kleinen Fleck Wiese und ich überlege, dort später unser Essen zu kochen. Allerdings werde ich energisch von einem Laufentenpärchen vertrieben, welches dort im Schatten verweilt und mit Fauchen auf mich zuflitzt. … Ich entscheide mich, auch zu flitzen, aber in die andere Richtung. 

Und dann sitzen wir vor der Haustür auf zwei Gartenstühlen und schauen fasziniert in den Himmel. Beobachten, wie dicke Wolken sich auftürmen und von Süden sich eine riesige schwarze Wand auf uns zu schiebt. Das Donnergrollen kann man schon in der Ferne hören – es wirkt dramatisch … und etwas später tröpfelt es auch über uns pflichtbewusst und leise.

Irgendwie habe ich das Gefühl, tatsächlich von einem Bett ins nächste umgezogen zu sein. Dazwischen nur ein schöner Traum. Ein wenig surreal ist es. Seit über 6 Wochen sind wir gefühlt den ganzen Tag draußen und nun im Hotelzimmer und gucken wieder mal an die Decke. Nun denn, ich nehme es als Ausruhtag. Die vergangenen Wochen haben den Körper schon sehr gefordert, da darf ein faules Rumgammeln bestimmt auch mal sein 🙂 Außerdem gibt es im Gasthof Kaffee und Kuchen – da könnte man ja mal gucken. …

Ahhh: es donnert, blitzt und regnet … was ist die Luft jetzt schöööön 🙂

Frank:

Du kennst sicherlich die Parabel vom Frosch im Kochtopf: Ein Frosch, der in langsam erhitztem Wasser sitzt, soll die allmählich zunehmende Gefahr nicht bemerken und im Topf bleiben, bis es zu spät ist. Würde man ihn dagegen unvermittelt in heißes Wasser setzen, versuchte er sofort zu entkommen.

Angeblich geht diese Geschichte auf Experimente aus dem 19. Jahrhundert zurück. Heutige Biologen halten sie in dieser Form für Unsinn. Doch eigentlich geht es dabei gar nicht um Biologie – und nicht einmal um Frösche. Es geht um uns Menschen.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert wird die Parabel als Sinnbild dafür verwendet, dass wir auf plötzliche Gefahren meist recht schnell reagieren, uns mit langsamen und schleichenden Veränderungen jedoch erstaunlich schwertun.

Leider erlebe ich immer wieder, dass viele Menschen hilflos, ablehnend oder sogar verärgert reagieren, wenn man auf solche Entwicklungen hinweist. Das ist keineswegs erst seit der Diskussion über den Klimawandel so, sondern lässt sich in vielen Bereichen unseres modernen Lebens beobachten.

Nun ist es ausgesprochen: Klimawandel.

Und ich möchte heute im Rahmen unserer Reise tatsächlich kurz darauf eingehen – auch wenn das nicht recht zu unserer „Gute-Laune-, meistens-sorgenfreien Abenteuerreise“ zu passen scheint.

Schon an Tag 21 hatte ich das Thema kurz berührt, nachdem uns eine Bäuerin von ihren Sorgen erzählt hatte. Später war die Schifffahrt auf der Donau wegen des niedrigen Wasserstands erheblich eingeschränkt. Wir zeigten ein verkümmertes Maisfeld – bei Weitem nicht das einzige und auch nicht das schlimmste, das wir gesehen haben. Gestern begegneten uns Milchkühe, die bereits mittags von der Weide in den Stall geholt wurden.

Tag für Tag berichten wir von Hitze und Sonnenschein. Regen gab es auf unserer Reise bis heute so gut wie keinen. Die Meldungen in den Medien bestätigen unsere persönlichen Eindrücke:

„Auf den Almen im Alpenraum fehlt es wegen der Trockenheit und Hitze an Wasser und an Futter für die Kühe. Viele Landwirte und Landwirtinnen müssen ihre Tiere wohl so früh wie nie zuvor ins Tal holen und geraten in eine Notlage, weil sie schon im Sommer Heu zukaufen müssen.“ – „Wasserknappheit und die damit verbundenen Konflikte in den Alpenregionen werden zu einem besorgniserregenden Thema. Zudem leiden Tieflandregionen weit jenseits der Alpen unter fehlendem Wasser aus den Alpen.“ – „Eine extrem anhaltende Dürre in Österreich fordert die Landwirtschaft massiv heraus. Die Bauern kämpfen gegen Ernteausfälle und Futternot.“ – „27 neue Rekorde an Österreichs Messstellen + Neues Allzeit-Hoch mit 41,2 Grad in Bad Deutsch-Altenburg“.

Und es sind nicht nur Tiere und Pflanzen, die unter der Hitze und Dürre leiden. Ein Beispiel:

„Die anhaltende Extremdürre in weiten Teilen Europas setzt den AKW-Reaktoren massiv zu: In Ungarn muss das einzige Atomkraftwerk des Landes, Paks, herunterfahren, obwohl es rund 40 Prozent des Strombedarfs deckt. Der historische Niedrigwasserstand der Donau und die hohen Wassertemperaturen erschweren die Kühlung der Reaktoren erheblich. Auch in Frankreich mussten zuletzt Reaktoren wegen Kühlwasserproblemen ihre Leistung reduzieren oder zeitweise vom Netz gehen.“

Wer mich näher kennt, weiß, dass ich mich seit meiner Jugend immer wieder intensiv mit dem Verhältnis von Mensch und Umwelt beschäftigt habe. Nicht umsonst habe ich 25 Jahre lang eine Natur-Ranger-Gruppe geleitet.

Doch anders als viele meiner damaligen Mitstreiter habe ich den Kampf irgendwann innerlich aufgegeben. Denn abgesehen von einzelnen Erfolgen – etwa beim Schutz der Ozonschicht – ist im globalen Umwelt- und Klimaschutz aus meiner Sicht fast nichts vorangekommen. Es gibt kleine Fortschritte, gewiss. Aber sie reichen definitiv nicht aus, um die Gesamtentwicklung grundlegend zu verändern.

Der sogenannte Fortschritt gleicht für mich häufig einem reißenden Strom. Er trägt uns mit sich fort, immer schneller – und niemand weiß wirklich, wohin. Wie soll man einen Strom aufhalten?

Diese Einsicht war für mich schmerzhaft. Seitdem versuche ich, die Wirklichkeit nicht nur zu erkennen, sondern sie auch anzunehmen: Wir Menschen vertrauen sehr stark auf Technik, folgen oft unseren unmittelbaren Bedürfnissen und überschätzen zugleich unsere Fähigkeit, die Folgen unseres Handelns zu kontrollieren.

Als die Idee zu unserer langen Radreise entstand, sagten viele zu uns: „Macht das, solange ihr es noch könnt.“

Gemeint war damit vermutlich vor allem das Älterwerden. Doch ich denke dabei auch an die Klima- und Umweltkrise. Wer weiß, wie heiß die kommenden Sommer werden? Wie sich das Reisen verändern wird? Welche Regionen künftig noch angenehm bereisbar sein werden? Und ob wir eines Tages vielleicht ganz andere Sorgen haben werden als die Planung einer langen Fahrradtour?

Male ich deshalb schwarz?

Ich glaube nicht. Ich habe vielmehr gelernt, die ganze bunte Vielfalt unserer Welt wahrzunehmen. Gerade deshalb sehe ich auch, wie manche ihrer Farben seit Jahrzehnten blasser werden, wie Vertrautes verschwindet und manches zunehmend bedrohlich wirkt.

Ich kann davor nicht die Augen verschließen. Gleichzeitig weiß ich, dass ich die großen Entwicklungen nicht verändern kann.

Was bleibt mir also?

Den Wandel anzuerkennen – ohne ihn gutzuheißen. In meinem kleinen Umfeld möglichst viel richtig zu machen. Nicht so zu tun, als hätte ich einfache Lösungen. Und vielleicht darüber zu sprechen – mit Menschen, die bereit sind, solche Gedanken auszuhalten und miteinander zu teilen.

Seit fast zwei Jahren schreibe ich an meinem vermutlich letzten großen philosophischen Projekt. Es ist so etwas wie mein „Lebenswerk“. Damit versuche ich, wenigstens das zu tun, was ich wahrscheinlich am besten kann: nachdenken, Zusammenhänge erkennen, sie verständlich machen und dabei möglichst ganzheitlich und nah an der Wirklichkeit bleiben.

Für unser Buch mit dem Trollchor hatte ich diese Arbeit unterbrochen. Für die Radreise nahm ich mir vor, unterwegs weiterzuschreiben – schließlich, so dachte ich, würden wir unendlich viel Zeit haben.

Weit gefehlt.

Diese Reise nimmt uns beide vollständig in Anspruch, obwohl wir den größten Teil des Tages gar nicht auf dem Fahrrad sitzen. Immer gibt es etwas zu planen, zu organisieren, zu entdecken, zu verarbeiten oder einfach nur zu erleben.

Aber auch das nehme ich sehr gern an. Vor allem bin ich dankbar dafür, dass bisher alles so gut gelaufen ist.

So schreibe ich mein Buch eben nicht unterwegs weiter. Stattdessen mache ich mir Gedanken, lasse manches noch ein wenig reifen und freue mich darauf, es im Herbst und Winter niederzuschreiben.

Früher hatte ich Angst vor den Umweltgefahren. Während meiner Natur-Ranger-Zeit war ich oft wütend. Danach habe ich viele Jahre mit der Entwicklung gehadert.

Heute sehe ich es etwas ruhiger – wenn auch nicht weniger traurig.

Wir Menschen schaffen es offenbar nicht, ein wirklich großes WIR zu bilden: eine globale Gemeinschaft, die langfristig denkt, alle mitnimmt und entsprechend handelt. Noch immer folgen wir vor allem unseren Instinkten, unseren unmittelbaren Interessen und unseren Vorurteilen – und halten die eigene Sicht dabei nur allzu leicht für die einzig richtige.

Ob wir noch rechtzeitig aus dem sprichwörtlichen Kochtopf springen werden, weiß ich nicht. Zuversichtlich bin ich nicht mehr. Und oftmals macht mich das sehr traurig, denn ich glaube immer noch, dass wir es theoretisch könnten (so wir wir praktisch ja auch die Welt massiv verändert haben).

Doch zugleich weiß ich: Die Welt ist größer als wir. Sie wird sich verändern und weiterbestehen – mit uns oder irgendwann auch ohne uns.

Vielleicht ist gerade das ein Grund, das Leben, die Natur und die Schönheit dieser Erde heute besonders aufmerksam wahrzunehmen. Nicht gedankenlos, sondern dankbar. Nicht so, als wäre alles selbstverständlich.

Danke, dass du bis hierher gelesen hast.

2 Kommentare zu „T45: Oberes Murtal aufwärts → Lungau“

  1. Hallo Frank,

    wie Recht du hast mit allem, was du schreibst! Und gut, dass das Wort geschrieben hast: Klimawandel. Und ich ergänze „menschengemachter Art“. Das Wort, das dazu passt, ist Kapitalismus, ein Wirtschaftssystem, dass die Ressource Umwelt nicht zu kennen scheint, zumindest nicht berücksichtigt.
    Gerade ist die neue Ausgabe von „atmo – das Umweltmagazin für die Zukunft“ mit dem Thema Raus aus der Bubble erschienen. Engagierte Journalist*innen, die früher bis zur dessen Einstellung für das Greenpeace-Magazin gearbeitet haben, versuchen Mut zu machen!
    Liebe Grüße
    Norbert

    Antworten
    • Guten Morgen Nobi,

      ah, wie schön, ein Mitdenker – freut mich! Wir sollten auf jeden Fall nach unserer Reise mal reden … allerdings vor allem über Radreisen 😉

      Antworten

Schreibe einen Kommentar