3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T46: Lungau → Oberes Liesertal

Das ist diesmal eine ganz schön lange Bildstrecke geworden 😉

Sabine:

Eigentlich will ich nicht schon wieder so früh raus, aber es hilft nichts, die Wetteraussichten erfordern, dass ich über meinen noch nicht sichtbaren Schatten springe und um halb 6 Frühstück mache.

Und dann bin ich glücklich, mit vollem Akku bei frischen Temperaturen auf dem Rad zu sitzen und wir den Schönfeldsattel in Angriff nehmen können. Wolkenfetzen liegen im Tal, die Berge sind bereits sichtbar, eine Wolke liegt wie ein Federbett auf halber Höhe am Hang.

Die schmale Straße führt stetig bergan. 22 km aufwärts, am Tacho kann ich ablesen, wie viel ich schon gefahren bin. Hoffentlich reicht der Akku auch diesmal? Die kühlen Temperaturen machen es möglich, mit wenig Unterstützung zu fahren. Die Muskeln funktionieren einfach besser als bei der vergangenen Affenhitze. Nach einer Stunde treffen wir auf die ersten Kühe – wir sind an den ersten Almen angekommen und sind sehr glücklich. So ein E-Bike ist schon eine geniale Erfindung. Der Erfinder sollte noch im Nachhinein den Friedensnobelpreis verliehen bekommen – finde ich. 

Der Ausblick weitet sich und durch die Höhe können wir wunderbar die Bergwelt bewundern. Wieder durchfahren wir eine Rinderherde. Ein besonderes Ohhhh-Erlebnis ist ein sicherlich neu geborenes Kälbchen, wie herzerweichend!

Zwei Stunden brauchen wir bis ganz oben und obwohl wir noch nicht in der Felsregion angekommen sind, haben wir doch die Baumgrenze geknackt und genießen ein wunderschönes Panorama. An der dortigen Hütte bitten wir um Nachladen unserer Akkus (sicher ist sicher, es sind noch 25 km) und um Kaffee. Beides ist kein Problem. Von den dortigen Gästen stehen noch die Reste des Frühstücksbuffets auf dem Tisch und wir werden vom Hüttenwirt aufgefordert, uns zu bedienen. Ist das was? Es ist das schönste Frühstück, das wir bisher angeboten bekommen haben und wir lassen es uns schmecken. Verdient ist es.

Das Wetter ist göttlich. Halb 10 erst und um 12 soll es regnen mit Gewitter. Wir müssen also weiter, was für ein Käse. Sooo schön hier oben und der Tag ist gefühlt vorbei, bevor er richtig begonnen hat. Das ist wirklich schade.

Und dann kommt die Abfahrt. Der frische Fahrtwind kühlt uns aus. Statt Schweißperlen findet sich nun Gänsehaut auf unseren Armen und Beinen. Die Hände schmerzen vom Bremsen, einfach laufen lassen geht hier nicht. Cirka eine Stunde später sind wir in Innerkrems angekommen und folgen weiter der Straße, eng am Felsen vorbei – auf der anderen Seite rauscht die Lieser.

Und dann geht es noch einmal hoch hinauf. Ich meine so richtig hoch und steil und lang mit Schwitzen und allem, was dazu gehört: Fahrrad nicht abstellen können wg. Steilheit, enge Kehren, Schalten schwierig, keine Gelegenheit, in die Büsche zu springen – ein Traktor kommt uns im Affentempo entgegen. Ist der Bauer von einem anderen Stern? Wir quetschen uns an den Hang, ziehen den Bauch ein und atmen erleichtert auf, als wir unzerquetscht wieder auf dem Rad sitzen. Es macht den Eindruck, als führen wir in den Himmel. Immer weiter – dort oben muss unser Ziel liegen. Und noch weiter. Das Panorama ist fantastisch, kein Regen in Sicht. Und noch eine Kehre nach oben. Der Wald liegt schon längst hinter uns, wir fahren durch Wiesen und nach ca. vier Kilometern erreichen wir unser Ziel: ein hübsches altes Haus mit dem schönsten Ausblick des Tages. Drei Häuser und eine Scheune sehe ich in unmittelbarer Umgebung, ein kleines Gehöft. Ein dicker, gesunder Kastanienbaum.

Ein dringendes Bedürfnis plagt mich, habe ich doch während der steilen Anfahrt keine entsprechende Pause machen können. Das Haus wirkt wie ausgestorben. Auf Klingeln, Klopfen und Rufen erfahren wir keine Reaktion. Wir gehen um das Haus herum. Es gibt eine alte, vermooste Terrasse, eine Tür, die fast auseinanderfällt und hinter der sich Gerümpel verbirgt und eine weitere Tür, auf der steht ein Schild: WC. Sie lässt sich öffnen und gibt einen dunklen Kellerkorridor frei. Ich rufe „Hallo, ist da jemand?“ und bekomme keine Antwort. Kann ich hineingehen? Wie ein Einbrecher komme ich mir vor, als ich durch den dunklen Gang schleiche und an der gesuchten Tür ankomme. Es gibt kein Licht – den Schalter suche ich vergebens und im Stockdunklen möchte ich auch nicht auf einer fremden Toilette. … Also trete ich den Rückweg an, hole mein Handy mit Licht und versuche es erneut. Wenn es hier unten kein Licht gibt, vielleicht gibt es auch kein Wasser für die Spülung? – frage ich mich und sicherheitshalber teste ich den Spülkasten. Ja, er funktioniert. Endlich erfahre ich Erleichterung. Ein zweites Mal funktioniert der Spülkasten nicht und beschämt schleiche ich hinaus. 

Ein Anruf bei der Vermieterin bleibt erfolglos. Aber ich höre Stimmen und Geräusche und versuche erneut, mich bemerkbar zu machen. Und endlich, endlich öffnet sich die Tür und wir werden willkommen geheißen. Es erwartet uns ein hübsches altes Zimmer mit Balkon und von dort aus genießen wir dann den Nachmittag bei Kaffee und Leckereien und einem Ausblick (selbst aus dem Bett in zwei Richtungen in die Berge), an dem wir uns einfach nicht sattsehen können. Was für ein wunderschöner Tag. … Um 17 Uhr beginnt es zu regnen und zu grollen und jetzt beginnt der gemütliche Teil. … 🙂

Frank:

Der Schönfeldsattel mit der Dr. Josef Mehrl-Hütte des Alpenvereins war mit 1.740 m der höchste Punkt unserer Radreise – und nicht etwa der Brennerpass, den wir möglicherweise in zehn Tagen überqueren werden. Auch landschaftlich war die heutige Route ein Höhepunkt (also im wahrsten Sinne des Wortes)!

Als wir danach im Liesertal ankamen (einem Nebenfluss der Drau, der wir bald aufwärts folgen werden), erwartete uns ein weiterer „Gigantismus“ – zumindest kam es uns so vor: die 2,6 Kilometer lange Kremstalbrücke der Tauern-Autobahn, die fast 90 m hoch mit 254 Pfeilern über dem Tal etliche Orte, Wälder und Wiesen überspannt. Bei ihrem Bau 1980 war sie die längste Hangbrücke Europas. Unten im Tal hört man absolut nichts von der Autobahn. Es ist ein wenig unwirklich, wenn man in die schöne Alpenlandschaft blickt, die überall von den mächtigen Pfeilern unterbrochen wird.

Apropos Zahlen und Distanzen: Die Überwindung der rund 800 Höhenmeter vom Tal der Mur bis hoch auf den Schönfeldsattel in knapp 20 km war dank der E-Bikes kein Ding. Trotzdem haben wir rund 6.000 Pedalumdrehungen dafür gemacht, was keine sportliche Höchstleistung ist – aber vielleicht lässt sich der Unterschied ganz gut mit Wandern und Joggen vergleichen: Beides ist aus eigener Kraft zurückgelegte Bewegung und beides kann anstrengend sein – doch beim E-Bike nimmt der Motor die Belastungsspitzen heraus, ähnlich wie beim Wandern gegenüber dem Joggen. Wandern und E-Bike-Fahren über viele Stunden sind also auf jeden Fall auch eine Ausdauerleistung.

Man kann das allerdings auch ganz anders sehen, wenn man andere Maßstäbe anlegt:

Die Kremstalbrücke macht lediglich 1,3 % der gesamten Tauern-Autobahn aus. Die Große Brücke Danyang–Kunshan zwischen Peking und Shanghai ist über 60 mal länger als das Kremsbrückchen. Und die Huajiang-Schlucht-Brücke (ebenfalls in China) ist mit 625 m mehr als siebenmal so hoch.

Doch was sind schon technische Machwerke – und mögen sie noch so beeindruckend sein – gegen die Ausmaße der Erde!

Wenn man 800 Meter nach oben fährt, entfernt man sich um rund 0,013 % weiter vom Erdmittelpunkt. Hmmm, verdammt wenig. … Doch am besten gefällt mir immer noch der Vergleich mit dem Fußball: Würde man die Erde auf die Größe eines Fußballes schrumpfen, wäre ihre Oberfläche glatt wie ein Kinderpopo. Selbst der Himalaya wäre eine so winzige Erhebung, dass man ihn mit den Fingerspitzen nicht ertasten könnte. Das sind wahre Ausmaße im globalen Maßstab!

Und während wir mit 7 bis 40 km/h durch die Lande radeln, dreht sich die Erde unter uns auf unserer geografischen Breite mit rund 1.140 km/h um sich selbst … und rast gleichsam mit etwa 107.000 km/h um die Sonne. Wow!

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