3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T36: Donau abwärts → Wien

Sabine:

Heute müssen wir  Abschied nehmen von der Donau. Wien ist in greifbarer Nähe, wir freuen uns auf den neuen Eindruck, aber wir spüren auch so etwas wie Abschiedsschmerz: von der schönen blauen Donau mit ihren tollen Radwegen, grünen Ufern, hübschen Schlösschen und kleinen Orten wegzufahren. Bei bestem Wetter geht es die letzten 20 km Richtung Wien Innenstadt.  

Der Fahrradweg ist nach wie vor gut bezeichnet, breit und auch im Großstadtgewimmel sichtbar.  Es führt eine richtige Fahrradautobahn in die Stadt hinein und wir bekommen einen schönen Blick auf die Donau zurück und die Stadt nach vorn. Jedoch wird es schwieriger, je näher wir der Mitte kommen.

Straßenbahn, Autos reichlich, Fußgänger überall, Lärm, Eisenbahn, Hupen, Hitze. Der Stresspegel steigt deutlich. Welche Ampel ist für die Radfahrer, welche für Fußgänger? Neben uns sausen Motorroller, Rennradfahrer brausen auch hier ohne Rücksicht auf Verluste an uns vorüber, queren, ohne langsamer zu werden, fahren bei Rot über Ampeln. Das Heulen der Martinshörner ertönt mehrfach.

Da jault es unerträglich – ein Krankenwagen – und da ich nicht überblicke, von wo das Auto anrast, bleibe ich stehen und will vor der Kreuzung warten, bis es vorüber ist. Die Ohren schmerzen und ich halte sie zu. Da überholt mich links auf dem Fahrradweg Krankenwagen und Notarzt – aus dieser Richtung hätte ich sie wirklich nicht erwartet. Im Nachhinein wird mir klar, dass dort mehr Platz ist als auf den verstopften Straßen.

Wir sind froh, endlich im A&O Hostel angekommen zu sein, um viertel nach Eins. Es ist ein riesiger Zweckbau, dunkel, und durch die Sonnenbrille betrachtet, noch dunkler. Wir checken ein. Es sind noch nicht alle Zimmer fertig, eigentlich ist der Zugang erst um 15 Uhr möglich. Man bietet uns an, im 4. Stock schon mal einziehen zu können. 4. Stock??? Wir erklären, dass wir extrem viel Gepäck dabei haben und bitten um ein leicht zugängliches Zimmer. Dann geht es los: Fahrrad abladen, Zeugs in die Lobby tragen. 13 schwere Gepäckstücke zum Aufzug schleppen, das ist eine Treppe weiter unten. Der Schweiß rinnt bereits in Strömen. Ich überlege, einen Wäschewagen zu organisieren und den Kram auf einmal ins Zimmer zu schieben. … Aufzug öffnen, Tasche in die Tür stellen, alles rein. Er ist nur zugelassen für 2 Personen. Ich nehme hoffnungsvoll die Treppe in den 2. Stock und will Frank in Empfang nehmen. Der lädt bereits 13 schwere Gepäckstücke in den Flur des 2. Stocks. Ich schnappe schon mal was und wuchte den Kram durch die engen, dunklen Flure, in denen Wäschebündel vor jeder Tür liegen. Eine Karre zum „Ausleihen“ Ist nicht in Sicht. Das Haus ist lang. Eine ehemalige Kaserne? Die Arme schmerzen und werden länger. Immer noch nicht unser Zimmer 232? Ich stehe vor einer schweren Brandschutztür, halte sie mit dem Fuß offen und winde mich mit dem Gepäck dadurch. Der Gang zieht sich. Tür um Tür ist nicht unsere. Es folgt eine Kurve, bzw. Ecke. Wieder ein Gang. Und nein! … Wieder eine Brandschutztür. Ich phantasiere, wie wir dies alles am Abreisetag wieder hinunter befördern (wollen ja sehr früh los wg. Hitze). Da: 232, ich bin angekommen, platze in das winzige Zimmer (Oliv-dunkle Wände, schwarze Metallmöbel, vergitterte Birnen an der Decke, 30 cm Platz zwischen Bett und Fenster) und lasse meine Taschen fallen. Zwei von 13 Gepäckstücken haben ihren Weg bereits gefunden. Ich mache mich auf den Rückweg zum Aufzug. Dort kommt mir Frank entgegen, der auch nicht glauben kann, dass nach der Brandschutztür noch eine folgt und er immer noch nicht da ist. …

Ich mache es jetzt mal  kurz: Wir haben alles in die Zelle geschleppt – es ist 15 Uhr. Und so wie ihr jetzt keine Lust mehr habt, noch mehr Geschichten um Gepäck, Schleppen und dunkle Gänge zu lesen, sind wir  uns einig, dass wir heute keine Lust mehr haben, Wien zu erkunden. Immerhin ist das Zimmer bezahlbar. Und wenn man aus dem Fenster schaut, stehen genau unter unserem Fenster einsam und alleine unsere abgeschlossenen Fahrräder. Da kann man schon Ideen entwickeln :-)))

Frank:

Puh, wir sind wirklich keine urban people! Um den berühmten Stadtkern zu sehen, muss man erst – wie Sabine so schön beschrieben hat – etliche Kilometer ätzende Vorstadt durchqueren. Irgendwie ist Wien ja für uns eine Art Wendepunkt und 2. Etappenende, bevor das Abenteuer Alpen beginnt. Dann darf es auch mal ganz anders sein als an den Tagen zuvor. Doch um weitere Probleme für unsere vollbeladenen und extralangen vehicles zu umgehen, habe ich nach einer Karte von einem lokalen Fahrradverein eine Route gen Süden durch die Stadt vorgezeichnet, die möglichst wenig gefährliche Straßenkreuzungen u. Engstellen aller Art hat. War eine halbe Stunde Planungsarbeit (Natürlich kommt man irgendwie immer raus, aber es hilft schon, wenn man nicht alle Nase lang wenden muss, mit dem Burley auf der Verkehrsinsel hinten noch auf der Straße steht oder im dichtesten Verkehr linksabbiegen muss).

Danach hatten wir uns allerdings einigermaßen erholt und beschlossen, schon einmal auszukundschaften, wo die Fiaker stehen, wo das Naturkundemuseum ist (wo wir morgen einen alten Freund treffen) und ob man dort überall die Fahrräder sicher abstellen kann.

Als wir dann bei leichtem Wind, nicht allzu großer Hitze und einer wunderbaren Abendstimmung am Stephansdom standen, kam Sabine auf die Idee, schon jetzt auf das Fiaker zu steigen. Witzigerweise war die Kutscherin, die sie nach Fahrradabstellmöglichkeiten gefragt hatte – eine Kutsche unter einem Dutzend – exakt die Frau, mit der wir morgen fahren würden. Und ihre Chefin war auch da und begrüßte uns herzlich. Und als wir uns dann entschieden, heute zu fahren, stieg sie mit auf den Kutscherbock – und so hatten wir eine perfekte Führung, da sie im Gegensatz zur Kutscherin zu uns nach hinten schauen und somit viel besser hörbar erzählen konnte. … Die monumentalen, romantischen, hochherrschaftlichen Fassaden, Kirchen und Prunkbauten zogen an uns vorbei, wir saßen gemütlich in der Kutsche und sahen Denkmäler von Gutenberg, Sissi und Franz, Poseidon und vielen anderen, von der Frau Rieger in breitem Wiener Dialekt berichtete.

… Ein wahrhaft würdiges Finale unserer zweiten Etappe!!!

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