3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T35: Donau abwärts → Tullnerfeld

Frank:

Soweit ich mich erinnern kann, haben wir noch nie solange Urlaub gemacht wie diesmal – und die „magische Grenze“ bereits überschritten. Schon mehrfach haben wir uns die Frage gestellt, was solch eine Reise von einem gewöhnlichen (oder auch ungewöhnlichen) Urlaub unterscheidet. Ich denke, ich kann ein paar vorläufige Antworten darauf geben. Auslöser für diese Gedanken war der heutige „Frisörbesuch“ bei Radler-Coiffeuse Sabine, die mir am Ufer der Donau – bei heftigem Wind – einen Haarschnitt verpasst hat. Da oben ein kleine unbeabsichtigte Welle blieb, bekam die Frisur den Namen „Donauwelle“ 🙂 …

Diese Reise hat ein wenig den Charakter von Nomadenleben, weil alles, was man tut, plant und entscheidet, immerzu auf den zukünftigen Aufenthaltsort abgestimmt sein muss. Und das bezieht sich nicht nur auf die Auswahl und ggf. Buchung einer Unterkunft in zwei, drei Tagen. Als wir etwa die Burley-Achse für mein neues Rad oder die Intercoms für unsere Helme bestellt haben, mussten wir eine Empfängeradresse angeben, an der wir sicher vorbeikommen würden, die grundsätzlich „funktioniert“ und vor allem: wo die Ware rechtzeitig vorliegt.

Jedes Planen hat viele unbekannte Größen, die meist direkten Einfluss auf den Verlauf der Reise haben: Wetter, Kräfte, Defekte, Unterkünfte. Entscheidungen müssen früh genug, aber nicht zu früh getroffen werden, das erfordert eine ständige Balance zwischen Festlegung und Beweglichkeit. Eine Buchung gibt Sicherheit, nimmt aber Freiheit. Die Reise besteht aus wandernden Planungshorizonten: heute konkret, morgen wahrscheinlich, übermorgen offen … und kleine Abweichungen wirken auf die folgenden Tage weiter.

Das gewohnte Leben mit seinen bekannten Fixpunkten – eigene Wohnung, Nachbarn, Ärzte, Geschäfte usw. – wird durch eine fortlaufenden Kette nur vorläufiger Adressen ersetzt. In jedem Laden muss man erneut nach den Dingen suchen, die man benötigt – das dauert. An jedem Campingplatz lernt man neue Leute kennen – interessant, aber auch oberflächlich. Der Besuch bei einem Arzt erfordert sehr viel „Bitte-Bitte“, da man ja nicht in der Kartei steht, nicht aus dem Ort stammt und eigentlich gar nicht untersucht werden kann – schon gar nicht sofort.

Doch auch das Radeln selbst erinnert an das Leben von Reiternomaden: Neue Routinen entstehen: Packen, Fahren, Waschen, Einkaufen, Planen … und man gewöhnt sich – wenn auch langsam – an das tägliche Sitzen im Sattel. Zudem hängt man ständig „aufeinander“ und hat viel weniger Rückzugsräume und Privatheit. Da hilft nur reden … schlicht über alles!

Stets muss man beim Einkauf daran denken, ob die Dinge noch Platz im Gepäck haben; Vorräte müssen reichen, dürfen aber nicht unnötig belasten.

Die Urlaubszeit ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern vorübergehender Alltag – denn die klaren Grenzen zwischen Urlaub und normalem Leben, die man sonst so kennt, sind aufgehoben. Früher hätte ein Hexenschuss oder Magen-Darm in der Regel dazu geführt, den Urlaub abzubrechen und nach Hause zu fahren. Nunmehr führen solche Unpässlichkeiten nur zu einer mehr oder weniger langen Unterbrechung der Reise. Das hat allerdings Folgen: Man muss stornieren, umbuchen, neu planen … so wie echte Nomaden sicherlich auch neue Überlegungen anstellen mussten, ob die geplante nächste Weide nun noch Sinn macht. … Müdigkeit und Schmerzen sind keine Störung des Urlaubs, sondern Teil des Reisealltags

Was traditionelle Nomaden nicht belastet hat, bei uns aber eine Rolle spielt: Die ständige Sicherstellung, die Akkus aller Geräte aufzuladen. Ersatz für diverse Ausrüstungsgegenstände, die Nomaden ganz einfach selbst herstellten. Und natürlich die Suche nach Unterkünften in einem dicht besiedelten Land ohne wirklich freie Flächen. … Allerdings haben/hatten sie auch keine Wetterapps, die ihnen die Planung erleichtern kann.

Was wir bereits von unseren früheren Wildnistouren kennen, ist das tägliche Ein- und Auspackritual, der hohe Wert der wenigen Dinge, die man mit sich führt und die Fähigkeit, in etlichen Situationen improvisieren zu können. Damals wie heute erfahren wir wieder, wie wenig man kontrollieren kann, wie kleine Erfolge unverhältnismäßig große Freude erzeugen können und wie Gelassenheit gegenüber Unvollkommenheit wächst. … Es hat etwas wirklich Erdendes, wenn die täglichen Überlegungen sich nur noch darum drehen, wo wir schlafen, was wir essen und wie weit wir fahren. „Der Weg ist das Ziel“ reduziert sicherlich die Zahl der Erlebnisse – weil man einfach keine Lust hat, eben noch einen Park, eine schöne Stadt oder ein Museum mitzunehmen – aber das fällt überhaupt nicht negativ ins Gewicht, wenn man den Alltag ganz bewusst auf das Leben selbst reduziert!

… Ich könnte noch viel mehr dazu schreiben – aber wer weiß, vielleicht beurteilen wir diese Dinge ja nach Woche 10 wieder ganz anders 😉

Sabine:

Ich bin nass geworden!

Seit fünf Wochen sind wir jetzt unterwegs und im Grunde war es durchgehend trockenes Wetter. Ihr erinnert euch: Am Beginn der Reise war es extrem heiß. Wir schwitzten, klebten, krümelten und glitschten. Wir machten uns nass, um Erleichterung und Abkühlung zu erfahren. Und wir trockneten das schweißnasse Gesicht, weil sich das Wasser in alle Ecken ausbreitete. Diese schwitzige Nässe war nicht schön. Und jetzt steht eine erneute Hitzewelle bevor. Nun wissen wir, was auf uns zukommt und wir haben Ideen, wie wir damit umgehen könnten.

Wir haben jeden Tag die Sonne gesehen und heute – heute  regnet es tatsächlich!!!  Selbst das Wort „Regen“ müssen wir erst mal im Wörterbuch nachschlagen, als wir uns mitteilen wollen, dass ein Tropfen auf dem Unterarm möglicherweise Wasser sein könnte. Hatten wir doch schon beinahe vergessen, wie sich das anfühlt. Es ist ein kurzer, heftiger Schauer, der nach einigen stürmischen Böen über uns hereinbricht.  Da lachen wir noch ungläubig und kommen gar nicht auf die Idee, unsere Schutzkleidung gegen „Wasser von oben“ aus dem Gepäck zu holen. Völlig überfordert von der Situation radeln wir weiter, können das Ereignis gar nicht richtig einordnen. 

Nach dem Überqueren der Donau an einem Wasserkraftwerk bei Tulln dringt es in unser Bewusstsein: Das, was da so feucht an uns herunterläuft, die Kleidung schwer macht und die Brille undurchsichtig, das ist wohl Regen. Wieder Herr unserer Sinne, schießen wir mit den Rädern unter eine Baumgruppe, um das Ereignis dort abzuwarten. Eine Bö wirft mein Rad um, es  fällt auf den weichen, laubigen Boden. Die beiden Picknickeier kullern aus meinem Korb  und zerbrechen. Deswegen werden diese an Ort und Stelle verspeist und die Sonne kommt wieder hervor. 

Wir fahren weiter, haben ein Thema, über das wir uns auslassen können: – Was ist wohl unangenehmer – sehr heißes Wetter oder sehr nasses? Lieber kalt und kühl oder besser heiß und klebrig?  Wie dem auch sei, ändern können wir es nicht. 

Lustigerweise sehen wir in der nächsten halben Stunde immer wieder Radfahrer, die ihre Outdoorjacken fest über den Helm gezogen haben und derart gepanzert ihre Fahrt fortsetzen – für alles gerüstet. Die Sonne scheint und das Leben ist schön. … 🙂

3 Kommentare zu „T35: Donau abwärts → Tullnerfeld“

  1. Der von dir beschriebene Prozess des Druckverlustes ist echt seltsam. Unser Zweiradmechaniker Chat-GPT meint dazu:

    Ein Druckverlust von 3 bar in einer Woche ist definitiv nicht normal. Das spricht fast immer für eine Undichtigkeit. Mögliche Ursachen sind:
    – Kleines Loch im Schlauch, das nur langsam Luft entweichen lässt.
    – Ventil undicht (Ventileinsatz locker oder defekt).
    – Reifen sitzt nach dem Mantelwechsel nicht richtig oder der Schlauch wurde beim Montieren leicht eingeklemmt bzw. beschädigt.
    – Felgenband verrutscht oder beschädigt, sodass der Schlauch an einem Speichenloch scheuert.

    Dass der Reifen nach mehreren Wochen plötzlich die Luft hält, ist ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Beispielsweise kann sich der Mantel erst richtig auf die Felge gesetzt haben oder das Ventil wurde beim Nachpumpen unbemerkt wieder dicht.
    Wenn es ein Fahrrad mit 5 bar Reifendruck ist, würde ich den Reifen trotzdem genau beobachten. Fällt der Druck erneut deutlich ab, sollte die Werkstatt den Reifen und insbesondere Schlauch, Ventil und Felgenband noch einmal prüfen – nach einem Mantelwechsel kann ein kleiner Montagefehler die Ursache sein.

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  2. Hallo ihr beiden,
    es ist schön zu lesen, wie gut der Blog geschrieben ist. Beim Lesen haben wir richtig das Gefühl, die Tour, die wir bereits 2006 nach Budapest gemacht haben, noch einmal zu erleben. Jedes Dorf und jede Landschaft wecken Erinnerungen und lassen uns in schönen Momenten schwelgen.
    Gut, dass ihr euch Sena gekauft habt.Ich sage ja : Damit kann eure Ehe nur ewig halten ;)).Zwischendurch mal gemütlich quatschen zu können, ist einfach eine prima Sache.
    Wir haben Dijon inzwischen erfolgreich hinter uns gelassen und sind jetzt auf der Velo-Maas-Route 19 in Richtung Venlo unterwegs.
    Wir wünschen euch weiterhin eine tolle Fahrt, viele schöne Eindrücke und kommt gut ans Ziel!
    Nobi & Heike

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    • Das kann ich nur zurückgebe, ihr beiden:-). Ich wusste gar nicht wirklich, dass ihr schon immer so passionierte Fahrradfahrer gewesen seid. Deswegen war es euch möglich, uns so viele nützliche Tips mit auf den Weg zu geben, für jede Situation eine passende Idee…
      Wir wünschen auch euch weiterhin gute Fahrt und gute Erholung. Ganz liebe Grüße aus Wien
      P.A.: habt ihr vielleicht auch dazu eine Idee: vor 2 Wochen ca. bekam ich neue Mäntel an meine Reifen. 1 Woche darauf war kaum noch Luft im Reifen und er wurde wieder aufgepumpt auf 5 bar. Eine weitere Woche später hatte er nur noch ca 2 bar und wurde wieder aufgepumpt auf 5 Bar. Wieder eine Woche später hälte der Druck… Und? Ideen:-)))))

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