Sabine:
Heute ist es passiert:
Nach einer gut verbrachten Nacht (wir liegen wieder an einer Bahnlinie, aber der Schweizer Zug gleitet leise vorbei) werde ich wach und sofort ist mir klar: ES REGNET! Ist nicht schlimm – denke ich, dreh mich nochmal um und penne weiter. Es ist gemütlich. Und es regnet weiter, noch mal umdrehen, ein wenig Kuscheln – die Blase drückt und es hat noch nicht aufgehört. Das Regengeräusch wird lauter und ich unterdrücke ein Seufzen. Schliesslich braucht die Natur es dringend, das Wasser. … Dringend wird auch mein Bedürfnis, das körpereigene Wasser loszuwerden. Frank guckt mich auch schon knurrig an, ihm ist auch Sonnenschein im Zelt lieber. Warum ist meine Matte an der Seite nass? Und meine Bauchtasche und mein Buch???? Unter der Matte hat sich ein kleiner See gebildet, obendrauf ist sie trocken. Die Bauchtasche ist so dick, dass sie Innen- und Außenzelt aneinander gedrückt hat. Das bedeutet kein Abstand zwischen Wasser und Innenzelt und so ist es wohl passiert. Bähhh!!!
Nun muss ein Plan her. Was tun? Der Wetterbericht verspricht Regen bis 12 Uhr, danach trocken. So lange kann ich nicht mehr aushalten. Frühstück im Regen? Ist auch nicht verlockend. Raus und alles zusammensuchen, um im Zelt zu frühstücken? Ekelig, ich will die Essenskiste nicht im Regen öffnen. Frühstück unter dem Vordach der Sanitäranlagen? – NEEEE!
Wir beschliessen, ohne Frühstück unsere Sachen zusammenzupacken und dann unterwegs zu frühstücken, da, wo es trocken und zweckmäßig ist. Und dann kommt uns der Restkuchen von Kathrin wie die Erleuchtung in den Sinn: Der steht nämlich griffbereit im Vorzelt, ist trocken erreichbar und schwer zu transportieren. Und so haben wir gesundes Frühstück mit leckerem Schokoladenkuchen, der echt SATT macht. Kathrin sei Dank, sie lebe hoch. :-))
Als wir erst man draußen sind, ist es gar nicht mehr so schlimm. Verpackt in alle Regensachen, die mitgefahren sind – einschliesslich Hut – ist die Laune gut wie immer. Das nasse Zelt einpacken ist natürlich nicht ganz so toll, aber es soll ja wieder trocken werden und wir wissen, wie schnell es auch trocknet, wenn es aufgebaut die Chance dazu hat. Den vermissten Kaffee bekommen wir dann fünf Kilometer nach Abfahrt in einem Eiscafé und da es hat bereits aufgehört.
Leider können wir die fernen Berge nicht sehen, weil sie wolkenverhangen sind, aber wir sind glücklich, als wir eine Pause machen an einer Wasserbüffelfarm. Da liegen ca 20 Tiere, farblich nicht zu unterscheiden von ihrem matschigen Untergrund und käuen entspannt. Einige liegen in vermutlich selbst gegrabenen, wassergefüllten Kuhlen und bei jeder Kaubewegung dippt das Kinn auf die Wasseroberfläche. Es ist ersichtlich, warum die Tiere „Wasserbüffel“ heißen – sie ruhen im Wasser. :-). Übrigens schmecken die Würstchen aus ihrem Fleisch ganz prima – die können wir kaufen an einem Automaten am Hof.
Die Strecke heute ist sehr einfach und macht Spaß trotz des nassen Beginns. Campingplatz ist prima, alles noch Nasse trocknet im Nu und so sind wir zufrieden … und haben Spaß mit Rolf, der neben uns sein Zelt aufbaut und viel von seiner alten Heimat Sachsen-Anhalt erzählen kann.
Frank:
Es ist wirklich immer wieder schön, netten Menschen auf der Tour zu begegnen – insbesondere, wenn man bald eine „ähnliche Wellenlänge“ erkennt! Rolf ist so jemand – und so lädt er uns nach einer guten Gesprächsrunde zu sich nach Hause ein, falls wir mal mit dem Rad vorbeikommen: Er wohnt seit über 30 Jahren in der Nähe von Basel in der Schweiz und das ist natürlich immer ein schönes Ziel. Danke Rolf! …
Was ich heute auch noch loswerden möchte, ist meine aktuelle Vorstellung vom Zelten: Also mit Lappland ist das in keinem Fall zu vergleichen! Wenn ich mal frühere Zeltaufenthalte in deutschen Landen mit hinzurechnen, ergibt sich folgendes Bild:
- Wenn man Nachts mal raus muss, tritt man in Lappland ein paar Schritte vor das Zelt … und lässt die Dinge einfach laufen – während man auf manchen Campingplätzen entweder weit laufen oder seine Phantasie benutzen muss.
- In Lappland baut man das Zelt irgendwo auf, wo es am besten passt – keine abschüssigen Zeltwiesen, an die man gebunden ist, keine lärmenden Züge, Autos oder Nachbarn.
- In der Regel schlägt man das Zelt in der Wildnis auf Moos, Gras oder niedrigen Sträuchern auf; okay, manchmal nerven ein paar Steine – doch auf Campingplätzen ist oftmals keine Grasnarbe mehr vorhanden und wenn es dann regnet, ist nicht nur alles nass, sondern auch pottdreckig.
- In Lappland hört man nachts Wind, Wasser, Vögel oder einfach gar nichts – auf Campingplätzen gern Reißverschlüsse, Türen, Gespräche, Kinder, Hunde, Schnarchen und frühmorgens rangierende Wohnmobile.
- In der Wildnis bestimmt man selbst, wie nah der nächste Nachbar ist. Auf dem Campingplatz kann „Privatsphäre“ bedeuten, dass zwischen zwei Zelten noch genau ein Hering passt.
- In Lappland ist der Weg zum „Badezimmer“ manchmal ein Seeufer mit Blick auf Berge. – Auf Campingplätzen wartet dafür immerhin warmes Wasser – allerdings gelegentlich mit Duschmarke, Zeitlimit und Schlange davor.
- Wildzelten bedeutet: kein Strom, keine Steckdose, kein WLAN – aber auch niemand, der all das gleichzeitig benutzen will. Auf Campingplätzen kann dagegen die Jagd nach einer freien Steckdose einen gewissen Stress verursachen.
- Vielleicht der größte Unterschied: In der Wildnis fühlt sich das Zelt wie ein kleines geschütztes Heim in einer riesigen Landschaft an. Auf einem vollen Campingplatz wirkt es eher wie ein sehr kleines Zimmer ohne Wände mitten in einem Dorf. …
- Und für all das muss man auf dem Campingplatz auch noch zahlen: in der Schweiz mal eben über 40 Euro. …
Aber gut, ich will das Campen nicht wirklich schlecht machen: Hier in Egnach nahe dem Bodensee ist es herrlich: Viel Platz, der leichte Wind und der Sonnenschein hat alles schnell getrocknet; eine Stromsäule ist in sichtbarer Entfernung, man hat ein riesiges Bad/WC für sich ganz allein, es gibt einen großen Aufenthaltsraum und mit Rolf haben wir eine supernetten Nachbarn bekommen. … Dennoch ist mein Fazit: Zelten in lappländischer Wildnis: Trotz Mücken und kaltem Wasser wunderbar! Zelten auf Campingplätzen in Mitteleuropa: Wenn man Glück hat, kann es prima sein. 😉




















1 Kommentar zu „T64: Lindau → Bodensee Südufer“
Interessant Dein Erfahrungsvergleich vom „wilden“ und „zivilisierten“ Zelten!