3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T48: Oberes Drautal aufwärts → Lienz

Sabine:

Vom Zeit haben und keine Zeit haben:

Zeit ist relativ, das müssen wir immer wieder feststellen. Drei Monate Fahrradfahren, das ist viiiiel Zeit, das denkt ihr sicher auch. Auch wir denken das, vom ersten Tag an und es ist unglaublich, so viel Zeit am Stück zu haben, die dazu noch unglaublich gut ist.

Aber wie füllen wir diese Zeit aus? Klar, wir schlafen aus (meistens, also bis ca. 6 Uhr), lesen ein wenig und machen uns dann gemütlich daran, zu frühstücken, um bis spätestens 9 Uhr 30 auf dem Rad zu sitzen. Dann ist der „Stress“ erst mal vorbei und wir treten in die Pedale, während wir die Wunder der Strecke an uns vorbeifließen lassen.

Es gibt immer ein Picknick im Schatten an einer schönen Stelle – weil wir die Stühlchen dabei haben, müssen wir nicht warten, bis eine Bank kommt, sondern können in einer Sekunde stehen bleiben und den Lagerplatz aufbauen. Dann schauen wir in die Weite, philosophieren vielleicht ein wenig oder blödeln rum, um dann entspannt weiter zu radeln. Dasselbe passiert vielleicht nochmal oder auch ein drittes mal. Vielleicht gönnen wir uns Kaffee oder Bier oder Kuchen und wenn wir am Tagesziel ankommen, oft so gegen 15 Uhr, dann wird erst mal ausgeruht :-).

Wenn wir ein Zimmer haben (was wg. der Gewitter z.Zt. öfter vorkommt), ist es immer eine größere Aktion, das Gepäck an Ort und Stelle zu bugsieren. In der Regel sehnen wir uns nach der Dusche, um dann ermattet im Bett die Beine auszustrecken. Ich checke mein Handy, die E-Mails und beginne, für „radeldidö“ etwas niederzuschreiben, was mich beschäftigt. Vielleicht kann ich mich aufraffen, zwischendurch Kaffee zu kochen, damit das Ausruhen noch netter wird.

Währenddessen ist Frank damit ausgelastet, die Strecke für die nächsten Tage zu optimieren, Schlafplätze zu finden oder zu buchen, die Tour weiterzubringen, das Wetter zu checken. Gern würde ich was lesen, finde aber nicht die richtige Ruhe, weil wir langsam Hunger bekommen und ich für die Verpflegung zuständig bin. Lust habe ich nicht wirklich dazu – aber Hunger habe ich auch. Also bastle ich was zurecht und rufe zum Essen, Frank unterbricht seine Tätigkeit und freut sich, dass ich ihm was hinstelle. Er ist da nicht wählerisch.

Nach dem Abwasch gucken wir in die Wolken, es ist ja meistens heiß und die Ermattung führt zu noch mehr Müdigkeit. Wenn es gut läuft, kann ich einige Minuten lesen, aber die Buchstaben verschwimmen vor meinen müden Augen. Frank ist beschäftigt mit dem Einstellen der Bilder für „radeldidö“ und irgendwie ist schon wieder Schlafenszeit. Wir haben viel Filmmaterial dabei, kommen aber nur selten dazu, fernzuschauen. Entweder ist es zu spät, oder zu müde, oder wir schauen einen Film verteilt auf drei Abende, weil wir darüber einschlafen. Gefühlt haben wir alle Zeit der Welt und doch keine Zeit, sich wirklich auf Buch oder Film einzulassen. Also schauen wir lieber in die Wolken oder in die Berge – auch fern 🙂 … und wieder keine Zeit für nix gehabt :-)))))

Frank:

… und dennoch gibt es diesen ganz anderen Blickwinkel bzw. Zeitgefühl: „Wann sind wir gleich den Schönfeldsattel hoch?“ – „Vor drei Tagen.“ – „Was? Unmöglich! Es fühlt sich eher an wie vor mehr als einer Woche. Dazwischen ist doch unglaublich viel gewesen.“ – „Schau in radeldidö …“ – „Tatsächlich“ Unglaublich, wie langsam die Zeit vergeht auf solchen entschleunigten Reisen“.

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