Frank:
Endlich wieder auf dem Drahtesel … ähm … is´ ja nun eher ein Alu-Ross. Wie dem auch sei, ein weiterer Ausruhtag im Hotelzimmer in der Weltstadt Mitterkirchen (wo nix war außer abendlicher Versammlung der Dorfbewohner im Hotelsaal bei hochgeklappten Bürgersteigen) wäre schon echt langweilig geworden. Um meine endgültige Genesung nicht zu gefährden, sind wir heute nur gut 40 km weit gefahren und waren daher schon am frühen Nachmittag auf dem Campingplatz. Das Wetter ist noch phantastisch: Ein Sommer, wie vor dem Klimawandel sozusagen (also jetzt nicht 12.000 Jahre vorher, da war es dann doch etwas zu kühl … in der Eiszeit und man hätte den Klimawandel herbeigesehnt). Auch das ist halt wie es ist … und heute ist es vortrefflich: Ein Platz im Schatten einer Birke mehr oder weniger direkt an der Donau, zwei Hängematten aufgespannt, Zelt steht, die erste Stunde hatten wir den Platz für uns allein und konnten ungefähr ein Drittel davon einnehmen (Sachen zum Lüften ausbreiten, Steckdosen zum Laden besetzen, tausenderlei Kleinkram hier und da verstreuen, mit unseren Stühlen die schattigsten Plätze belegen … neben Zelt und Hängematten).
Heute gab es gleich drei Gespräche mit Indigenen. Das erste mit der Wirtin im Hotel vor der Weiterfahrt: Sie klagte, dass die Leute immer höhere Ansprüche stellen würden und immer weiter verreisen müssten … und dass das österreichische Gesundheitssystem vor allem von den „Asylanten“ ausgenutzt würde. Als wir vorsichtig einhakten, besser zu differenzieren, denn es gäbe sicherlich solche und solche bei jedem Volk, meinte sie nur: „Wer ist nach dem Krieg aus Österreich geflohen? – Nur die, die nichts taugten.“ Unser Einspruch wurde lauter. Doch dann meinte sie: Sie kenne einige Muslime, ältere Türken, die schon lange hier wären. Selbst die würden sagen, dass das Problem die jungen Leute aus Syrien und Afghanistan seien, die dreist ihre Möglichkeiten nutzen. Ich meinte, dass wir das sicherlich auch tun würde, wenn wir in ein Land fliehen würden, dass diese Möglichkeiten anbietet. … Sie winkte ab und stellte dann in den Raum, warum denn die Leute nicht in die anderen islamischen Staaten geflüchtet sind, wo sie doch auf Menschen ihrer Kultur treffen würden. Darüber kann man natürlich nachdenken.
Das zweite Gespräch war in einem Café mit eine Kellnerin, die gerade außer uns keine Gäste hatte. Ich spüre sofort, wenn Leute nur nach der Tour fragen, wenn sie selber was über sich erzählen möchten oder nur oberflächlichen Smalltalk erwarten. Diese Frau gehörte jedoch zu denen, wo man gleich spürte, dass sie echte Anteilnahme und Mitgefühl (im positiven wie im negativen Sinne) hatte. Da erzählt man dann auf Nachfrage natürlich sehr gern.
Das dritte „Gespräch“ war das unangenehmste. Sabine war einkaufen und mich sprach ein Alt-Hippie an, der den Burley-Anhänger toll fand und sich als Fahrradmechaniker vorstellte. Er war allerdings auffallend laut und beschallte auch beim Gespräch mit seiner Partnerin den ganzen Parkplatz. Irgendwie unangenehm. Als ich dann zu einer Auto-Ladesäule schlenderte, die entweder von einem E-Auto-Hasser gerammt worden war oder (was eher wahrscheinlich ist) von einem E-Auto-Besitzer ohne Fahrpraxis rückwärts touchiert worden war, rief der Typ schon von weitem: „Dös solltns met alle die Säulen moche. Am besten nähm i a Flex und tät sie abflexen, die Schand. Dös ist der größte Bschiss an der Menschheit.“ Bei solchen Maulhelden, die alles besser wissen und auf alles eine Antwort haben, bin ich raus – da halte ich mich lieber zurück, weil ich dafür zu rational und zu wenig schlagfertig bin. … Ich stand an den Fahrrädern herum und schaute in die andere Richtung. Da rief er mich: „He! …. He Chef! Wo kimmst denn her?“ Ich antwortete höflich, aber so kurz wie möglich: „Aus Wuppertal.“ „Gehts no Wien?“ „Auch.“ „Und weiter?“ „Nach Bozen“ … Er nickte und erkannte uns als Weitradelnde. Sofort erzählte er – wieder für den ganzen Parkplatz hörbar, dass er einen Freund aus Mönchengladbach habe, der derzeit in Indonesien sei – mit dem Rad von Deutschland aus – und noch um die ganze Welt wolle. Er schicke ihm jeden Tag Fotos. „Scho a verruckter Kerl … und wos der Körper leisten ka.“ Ich nickte versonnen und lächelte. … Doch das war noch nicht alles. Eine Radfahrerin kam hinzu und er brüllte fast: „Schau, die Maria. Was für an Zufall, do trifft man am Billa seine Ex, die Welt is holt kloan.“ Eine Weile später kam die Frau mit dem Rad an mir vorbei und schaute sich ebenfalls den Burley an und nickte. Sie war interessiert und fragte auch, woher wir kämen. Doch bevor ich eine Antwort geben konnte, stand ihr Ex hinter ihr und greinte: „Die san aus Wuppertal“. Sie schaute ihn nicht an, sondern blickte nur zu mir und fragte, ob das in Bayern sei. Ich sagte leise: „Nein, in Nordrhein-Westfalen“. Und wieder mischte sich der Typ ein und brüllte: „Jo, do hobt ihr dieselben Probleme mit der AfD wie mir hier. Überall san´s durchgeknallt, in Deutschland wie in Österreich. … Wie heißt er noch, der Vorsitzende der AfD in Nordrhein-Westfalen?“ – Ich sagte nur, dass ich keine Ahnung habe, während seine Ex-Frau mit kurzem Gruß an mich das Feld räumte. Keine Ahnung, ob er nun für oder gegen die Rechten war, aber ein angenehmer Zeitgenosse war er keinesfalls.
Sabine:
Die nächtlichen Geräusche sind recht vielfältig. Wenn ich zurückdenke, fällt mir nur eine einzige Schlafstätte ein, die wirklich ruhig und friedvoll vorüberging, nämlich bei den wunderbaren Gastgebern Achim und Uschi in Siegen. Dort hörte man lediglich die Vögel und das Rauschen in den Bäumen – also das, was sich so gehört.
Von dem Froschkonzert habe ich ja schon erzählt. Aber das ist weiss Gott nicht die einzige Lärmquelle, die die Nachtruhe so stört. Jedes Mal denke ich: Heute Nacht ist es sicher nächtlich ruhig, doch weit gefehlt. Bis in den weit fortgeschrittenen Abend brausen Autos, Motorräder, Lastwagen über Deutschlands- und jetzt auch Österreichs Straßen. Ist es warm im Zimmer und wir lüften die Hitze verzweifelt hinaus, ist es, als führen die Lastwagen direkt durch unser Schlafzimmer. Schließen wir die Fenster, ist es vor Hitze nicht auszuhalten. Als die Nächte kühler werden und wir wegen Gewitterneigung ein Zimmer nehmen, welches fernab großer Straßen liegt, schöpfe ich Hoffnung. Bei weit offenem Fenster (der Kühle wegen) lässt es sich aushalten. Nicht gerechnet habe ich damit, dass der 40 cm vom Kopfkissen entfernte Kühlschrank alle paar Minuten zu brummen beginnt, so dass die Federn und meine Trommelfelle in Schwingung geraten. …
Am nächsten Campingplatz werden wir freundlich begrüßt und man erklärt uns, dass wir uns einen sehr schönen und ruhigen Platz ausgesucht hätten, wo morgens nur die Vögel ein Konzert geben würden. Was man uns nicht sagt, ist, dass der auf der anderen Straßenseite gelegene Fußballverein fröhlich feiert und bayrische Schlager einschließlich Helene Fischer glasklar zu uns herüber wehen. Es ist der Tag des WM-Endspiels und wir befürchten schon das Schlimmste, aber gegen 20 Uhr wird es tatsächlich still 🙂 … Solange wir noch was hören, dreht die Welt sich weiter – denke ich und so bin ich letztlich auch einverstanden mit Motorenlärm, Eisenbahnen, Wasserschutzpolizei, Geschrei und Musik.
Ach ja: Ab und an dringt ein Geschnarche an meine unverstöpselten Ohren. Aber weil es dunkel ist, kann ich nicht sehen, wer es ist. …
Frank:
Ganz klar: Immer der, der fragt … ganz wie beim Pupsen. Wer ist denn hier unser kleiner „Knatterdrache“? 🙂 … siehe Fotos: Solch ein Plakat hing in Linz.
Bevor ich es vergesse: Vielleicht ist dir auf der Hauptkarte aufgefallen, dass die Runde um den Neusiedler See fehlt und es von Wien gleich nach Süden geht. Wir haben uns wegen der bevorstehenden Hitzewelle dazu entschieden, das schattenlose, heiße Seeareal am Westende der eurasischen Steppe auszulassen, um möglichst schnell in die kühleren Berge zu kommen. Schaun wir mal. …










