Sabine:
Heute war der anstrengendste Tag der ganzen Tour.
Am Morgen, als wir bestens geschlafen aufwachen, ist die Welt noch in Ordnung. Der verwunschene Garten Eden bei Joschi und Mareike lockt uns zu bleiben. Als wir gegen 11 Uhr endlich aufbrechen (ich habe es geschafft, nicht einen einzigen Apfel zu klauen), merken wir sofort: Es windet stark und der Wind kommt von vorn. E-Bike hin-oder her, es strengt an, körperlich, aber auch psychisch, dem Sturm entgegenzutreten – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Frank hat Abkürzungen geplant und die führen durch die Weinberge. Vorab konnte er nicht wissen, dass diese Wege teils nicht fahrradtauglich sind. Wiesenwege, Stolperwege, Sandwege, Schotterwege, steile Wege. Auf dieser Strecke habe ich gelernt, Weinberge zu hassen.
Und natürlich kommen wir langsamer voran, als geplant – heiß ist es auch. Als wir endlich den Rhein erreichen, ist es schon spät. In einer Pizzeria machen wir Pause (an einer befahrenen Straße, aber ich muss Akku laden). Der Weg zieht sich. Eigentlich hatte ich auf den Rheinradweg gehofft und teils läuft es leicht und macht Freude. Aber der schönste Radweg taugt nicht viel, wenn er kaputt, voller Löcher und Kanten daherkommt.
Traurig ist es, zu sehen, wie der Rhein seine Ufer freigibt, schmal in seinem Bett dahin plätschert und die modrigen Ufer nach Schlick und vergammeltem Grünzeug riechen. Die Landschaft, das Weltkulturerbe, wirkt dystrophisch. Die Hälfte des Bewuchses ist braun, grau, tot. Die andere Hälfte verliert bereits die Hälfte des Laubes. Die vereinzelten Ausflugsbötchen wirken fehl am Platz. Vielleicht ist es unsere hitzebedingte Erschöpfung, die uns das verstärkt wahrnehmen lässt, oder die lange Strecke? Heute fällt es uns schwer, dem ganzen etwas Gutes abzugewinnen – außer vielleicht vereinzelten Walnussbäumen, ein Kaffee mit Blick auf die Loreley und am Ende ein netter, ruhiger Campingplatz. 🙂
Frank:
Was für ein Tag! Für mich war das heute eine emotionale Achterbahn: Zuerst ging es ganz nach oben, dann heftig runter, Mittags wieder hoch und dann wieder tief runter. Ich will das näher erklären. …
Die Nacht im wilden Garten bei Mareike (abwesend auf Ziegenseminar) und Jochen (anwesend mit Home-Office) war sehr gut: Es war nicht kalt, blieb trocken, war ruhig und sehr entspannend. Morgens hatten wir noch ein sehr interessantes Gespräch mit Jochen, der – wie wir erfuhren – ein Ultra-Marathonläufer ist. Wow! 115 km an einem Tag … das schaffen (oder wollen) wir nicht einmal mit dem Rad! Aber er hatte für alle Arten von Outdoor-Betätigung – ob langsam oder schnell, kurz oder lang – große Sympathie … und ja, Jochen ist ein wirklich netter Mensch!
Es ging dann los bei herrlichster superklarer Sicht mit blauem Himmel und nur ganz wenigen Wolken. Bald frischte der Wind auf – der uns anfangs noch angenehm kühlte, doch dann immer stärker wurde und uns meistens genau entgegenwehte. Es war wie permanent bergauf fahren. Mit dem E-Bike kein Ding … dachte ich. Doch dann kamen erst steile Schotterwege in den Weinbergen und später sandige Wege hinzu – sodass es trotz Motorunterstützung bei dem permanenten Wind und nunmehr heißer Sonne immer anstrengender wurde – wie Sabine bereits berichtet hat. Bei mir war es wohl vor allem wieder die Hitze, die sich wiederum der 30°-Marke näherte (in der Sonne entsprechend 10 bis 15° heißer) und mir arg zusetzte.
Als wir auf der Hälfte in Bingen ankamen, wo wir zu Mittag essen wollten, fühlten wir uns beide bereits ziemlich erschöpft. Die leckere Pizza, kaltes Bier und ausreichen Pause besserte die Laune … und dann ging es hinein ins Mittelrheintal, wo der Rhein das Rheinische Schiefergebirge durchschneidet. Obwohl wir die Landschaft kennen, ist das UNESCO Welterbe immer wieder eine Augenweide. …
Doch bei mir entstanden leider andere Gefühle: Der Wind war im Tal zwar nicht mehr so stark und es gab reichlich Schatten, aber dennoch nervte mich die Sonne mehr und mehr. Hinzu kam die Erinnerung an die extreme Dürre und Hitze dieses Sommers, der in Wikipedia ein ganzer Artikel gewidmet ist: Wir sahen Sandbänke und Felsrücken mitten im Rhein … und ganz große völlig vertrocknete Wälder an den Hängen. …
Vor rund zehn Jahren habe ich erkannt, dass ich lernen muss, die Entwicklung als unabänderlich anzuerkennen, wenn ich nicht daran verzweifeln will. Darum bemühe ich mich seither sehr. Doch manchmal (ich glaube, ich habe es schon einmal erwähnt) packt mich eine tiefe Traurigkeit, wenn ich sehe, wie wir Menschen es einfach nicht in den Griff bekommen. Schon in den 1980ern wurde klar, was der Klimawandel mit der Erde machen wird – wenn wir nicht gegensteuern. Damals dachte ich, dass die Menschheit das (wie beim Ozonloch) natürlich erkennen würde und die Wirtschaft so umbaut, dass die Erwärmung nicht mehr als 0,5 bis 1,0°C ausmacht. Damals wäre das sowohl von der Technologie als auch von den Kosten relativ einfach gewesen – wenn man nur gewollt hätte. Doch dann kamen die ganzen enttäuschenden Klimakonferenzen und ein weiterhin steigender Kohlendioxidausstoß, der bis heute nicht sein Maximum erreicht hat. Offenbar waren bzw. sind selbst die meisten „Drahtzieher“ dieser Welt nicht in der Lage, die Konsequenzen dieses Nicht-Handelns zu erkennen … oder es ist ihnen schlicht und einfach egal: Nach mir die Sintflut – oder?
Heute haben wir bereits die als „gefährlich“ geltende 1,5°C-Marke nahezu sicher gerissen und steuern auf die als „sehr gefährlich“ eingeschätzte 2,0°C-Marke zu. Doch selbst das scheint derzeit nicht das Ende vom Lied zu sein … es sieht eher nach 2,5 bis 2,7°C aus. Es mag vielleicht besserwisserisch klingen, aber es ist seit den 90ern bislang genauso gekommen, wie ich vorhergesagt habe (wenn nichts bzw. zu wenig getan wird). Und daher glaube ich auch, dass meine weiteren düsteren Prognosen über viele, viele weitere Extremwetterlagen mit Hitze und Dürre sowie ebenso mit Starkregen und Überschwemmungen immer häufiger sein werden. Schon jetzt waren selbst viele Wissenschaftler erstaunt, dass es schon wieder so eine Omega-Wetterlage gab, die Europa wochenlang aufgeheizt hat. Es ist so eine gequirlte Sch…, was da geschieht – obwohl wir alle wissen, dass es keinen Ersatzplaneten gibt.
Trotz machtgeiler Weltpolitiker, die ganz andere Dinge im Kopf haben als den Klimaschutz, wird sich der Wandel zu regenerativen Energien durchsetzen … weil die Zeit reif ist. Doch wie es aussieht, kommt es zu spät, um die katastrophalen Folgen der globalen Erwärmung für uns alle ausreichend abzumildern. Es wird uns volle Breitseite treffen. Vor rund 10 Jahren sagte mein Chef mal in einem Zweiergespräch: „Der Klimawandel ist da, natürlich. Aber ich glaube nicht, dass wir die Folgen noch erleben werden.“ Ich habe darauf nur geantwortet: „Wart´s ab, ich bin sicher, weil es eine exponentielle Entwicklung ist – und so etwas bekommen wir Menschen einfach nicht in den Schädel.“ …
Nun denn, wir werden es erleben … und unsere Nachkommen müssen damit klar kommen. Eines Tages werden sie die Menschen unserer Zeit verfluchen – jede Wette!
… Durchatmen, den Schatten des frühen Abends genießen, gleich Duschen gehen und dann ab ins Zelt. Das Leben ist trotz allem sehr lebenswert!




















1 Kommentar zu „T74: Alzeyer Hügelland → Mittelrhein“
Tja, liebe Frank und Sabine, traurige Ein- und Ausblicke🥺 Ich schreibe diesen Kommentar im Nachhinein und füge meine Gedanken nach einem Bericht im heute journal von Sonntag den 13.9. an. Der trieb eine neue Wildsau durch das Dorf, zu dem die Welt geworden ist: KI. Geschäftsführende der AI-Fabriken warnen vor den eigenen Entwicklungen!😵😡 Angesichts der mangelnden Ächtung von Atombomben halte ich den Ruf dieser Experten nach globaler rechtlicher Einhegung der KI-Entwicklungen für völlig aussichtslos. Da hätten wir nach der Umweltkatastrophe Katastrophen Nr 2 und 3😱 Es ist wahrlich zum Verzweifeln!!! –
Dennoch bleibt nur der Ausweg, auf die Schönheiten des Lebens zu schauen, finde ich auch🥴 So wie wir Wuppertaler*innen es am 13.9. auf der B7 tanzend im Dauerregen gemacht hatten…😅