Frank:
Ich polarisiere heute mal. Zuerst etwas zum Schmunzeln … und dann etwas Nachdenkliches:
Alle, die fleißig mitgelesen haben, sollten wissen, dass es in Hessen ein Bellersheim gibt. Doch hast du auch schon von folgenden Orten gehört, die wir durchquert oder gestreift haben (manche habe ich erwähnt)?: Düdelsheim, Linsengericht, Großkrotzenburg, Dorfprozelten, Stadtprozelten, Langenprozelten, Hasloch, Urphar, Himmelstadt, Randersacker (heißt das nicht Randersåker und ist in DK?), Winterhausen und Sommerhausen, Frickenhausen, Schnepfenbach, Prosselsheim, Haßfurt, Strullendorf, Birnbaum, Flugshof, Ipsheim, Hürbel, Zweiflingen, Lammelbach, Winn, Ornbau, Gern, Gunzenhausen, Aha, Wassertrüdingen, Auhausen … Aha, scheint eine Winn-Winn-Situation zu sein auf dieser Route 🙂
Und nun die andere Sache:
Heute landeten wir in einem Zimmer auf einem Bauernhof im Altmühltal. Die Bäuerin erzählte uns offen heraus von ihren Problemen: Arbeit von morgens 5 Uhr bis Nachmittags 5 Uhr; Sonderschichten bei Kuhgeburten, Viehkrankheiten, Unwetterwarnungen uvm. nicht eingerechnet. Seit Jahren die Folgen des Klimawandels: Trockene Sommer mit zurückgehenden Ernten, Starkregenereignisse und Sorgen, Sorgen, Sorgen. Auch durch den elenden Druck auf die Bauern, die für unsere Ernährung sorgen und dennoch oftmals nur schlecht bezahlt werden; zumindest aber von der Preispolitik der Händler abhängig sind. Großkredit vor ein paar Jahren, dann gesundheitliche Probleme in der Familie. Dennoch arbeiten sie weiter – und sind immer noch voller Lebensmut … trotz allem.
Die Frau erzählte das in einem langen Atemzug und es klang sehr nach Pauls „Wat soll et!“ Doch mich hat das sehr traurig gemacht: ganz im Speziellen – aber auch im großen Ganzen, wie ungerecht unser kapitalistisches System ist, das Landwirte und Handwerker landesweit kaum Nachwuchs finden und wie die Weltpolitik sehenden Auges in die Klimakatastrophe rennt (wenn man nicht gerade mit seinem übergroßen Ego oder Bomben werfen beschäftigt ist). Wie wird das weitergehen???
Sabine:
So macht es Spaß, Kilometer zu reißen 🙂
Erst ein nettes Frühstück im Hotel um 7 Uhr, schnell noch ein wenig Obst vom Buffet gemopst und drei Marmeladenportionen für die Satteltasche (schäm) … Und dann ab auf’s Rad, um mal eben fast 50 km völlig flach abzuradeln.
Die zahlreichen verschlafenen Dörfer, deren Namen vorbeirauschen (siehe oben 😉 ) wie die abgeernteten Felder und Mähmaschinen im Getreide, wirken wie ausgestorben. Ab und an kommt ein Fahrradfahrer in Sichtweite, aber Menschen sieht man ansonsten eher selten. Die verkriechen sich in ihren Häusern … denke ich und ziehe bei einer Pause unter einer dicken Linde hoffnungsvoll los, um beim Nachbarn um ein Auffüllen unserer Wasserflasche zu bitten. Es ist niemand zu Hause. Ist nicht schlimm, denke ich und versuche mein Glück ein Haus weiter. Dort stehen Autos im Carport. Es öffnet niemand. Auch gegenüber nicht. Verflixt. Kein Wasser? Die Sonne brennt, auch wenn es unter der Linde recht angenehm ist. Ich versuche die andere Richtung. Bei der Freiwilligen Feuerwehr. Ein Hydrant am Strassenrand, aber ansonsten bleibt es menschenleer. Ich überlege schon, ob ich in einen Garten einsteigen soll – vielleicht gibt es einen Wasseranschluss? Aber das wage ich nicht, habe Angst vor dem Hund oder einem wachsamen Nachbarn mit Mistgabel, der mich schimpfend vertreibt oder mich mit seinem Traktor vor sich her schiebt.
Noch ein Haus weiter. Dort bewegt sich etwas. Ein alte Dame, die ich höflich um Wasser bitte. Sie schaut mich an, als käme ich von Alpha Centaurus. Aber als ich ihr sanft erkläre, dass wir mit dem Fahrrad unterwegs sind und bei der Hitze viel trinken müssen, nimmt sie meine Flasche und bringt sie gefüllt zurück. Sogar ein Lächeln ringt sie sich ab.
Das Dorf hat keine Straßennamen, nur Hausnummern. Das geschlossene Gemeindeamt hat die Hausnummer 172. Und mit Wasser abgefüllt verlassen wir diesen gespenstischen Ort.
Heiß, heiß, heiß – irgendwann muss das Gewitter kommen, aber noch ist kaum eine Wolke am Himmel. Es ist noch früh, erst 12 Uhr 30, und wir sind 600 Meter vor dem Ziel: Strasse gesperrt, auch für Fußgänger. Die dicken rot-weißen Sperren sind nicht zu übersehen. 20 Meter und dazwischen ein ungesicherter Bahnübergang. Glücklicherweise ist die Strecke weit einsehbar und so huschen wir mit Herzklopfen durch.
Die Hitze macht uns zu schaffen und wir sind heilfroh, dass wir unser Zimmer auf dem Milchbauernhof schon zwei Stunden eher beziehen dürfen, als vorgesehen. Ein freundlicher Empfang, Essen- und Freizeittipps, ein gemütliches Zimmer und ein paar nette Kleinigkeiten, die das Leben angenehmer machen, es ist alles vorhanden. Da morgen unsere 4. Reisewoche beginnt, und wir unsere Wäsche zwar immer mal durchgewaschen haben, sie aber trotzdem nach drei Wochen Fahrradtour im Sommer duftet, erklärt sich die Bäuerin bereit, die Sachen in die Waschmaschine zu stecken. Ich werfe meine Scheu über Bord (denke: Wenn sie seit Jahren die Kühe und Tiere versorgt, ist sie auch mit schmutziger Wäsche vertraut und es wird sie nicht umhauen). 45 Minuten später duftet es im Hausflur nach Seife und vor der Tür hängt unsere komplette Wäsche sauber auf einem Ständer. Sie ist schon so gut wie trocken. …
So fühlt sich Dankbarkeit an!









