3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T5: Lahntal…

Sabine:

Ich glaube, dass zur Zeit selbst die Eisbären Ferienwohnungen nachfragen … wir bewegen uns nur ganz langsam – wäre es noch langsamer, glichen wir einer Kontinentalverschiebung …

Frank:

Am ersten (fast) reinen Indoor-Tag (von der Fahrt zum klimatisierten EDEKA einmal abgesehen) haben wir am eigenen Leib erfahren, was unser Freund Martin mit „sumpfen“ meint: Wie ein Hund langsam von der Küche ins Schlafzimmer trotten und auf das Bett werfen, um ein Ründchen zu dösen. Völlig ohne schlechtes Gewissen stundenlang auf den Bildschirm starren. Das letzte Konzert zum dritten Mal hören und mit krächzen (die Hitze lässt offenbar die Stimmbänder anschwellen). Etliche Methoden ausdenken, wie man die 31°C in der Wohnung etwas besser aushalten kann. … Ab und zu gassi gehen.

Da sprechen die Bilder für sich (Übrigens, falls du es noch nicht gesehen hast, wenn man mitten auf das Titelbild klickt – und NICHT auf den Pfeil nach rechts – öffnen sich die Bilder und geben die Bildunterschriften preis)

Nun, und um zu testen, ob das „Hirneiweiß“ bereits gerinnt, habe ich ein wenig philosophiert und mich ausgiebig über Demut ausgelassen und an dutzende Zeitungen versandt. Wer weiß, vielleicht interessiert es jemanden. … Falls es euch interessiert, bitteschön:

Demut

Homo sapiens, der Letztentstandene, ergriff die Macht über den Planeten. Doch im Rausch des Fortschritts wuchs mit dieser Macht auch die Gier nach Besitz, Kontrolle und Überlegenheit. Statt der Erde in Demut zu danken – der Erde, die uns trägt und nährt, deren Ganzheit unermesslich größer ist als unser bisschen Verstand – sind wir dem Glauben verfallen, alles beherrschen zu können.

Wie Roboter, die blind ihrer Programmierung folgen, spulen viele von uns ihr Leben ab: beschäftigt mit persönlichen Sorgen, Bedürfnissen und kleinen Sicherheiten, gefangen im Nahbereich des Eigenen – ohne Gespür für das Ganze, von dem doch alles abhängt.

Nicht die Erde wird uns töten. Unser Hochmut wird es tun, wenn wir nicht wahre Demut lernen.

Wir vermehren unsere Ansprüche, breiten unsere Eingriffe aus, zerstören Zusammenhänge, die wir kaum begreifen – und schaffen dabei Tatsachen, die bald nicht mehr umkehrbar sind. Wie im Fieber. Im Delirium bei über 40 Grad. Wie ein Virus.

Doch anders als ein Virus weiß Homo sapiens davon. Der „weise Mensch“ kann erkennen, was er tut. Wer sich nicht täuschen lässt von Machtgier und Habsucht, wer über das eigene Leben hinausblickt, wer die Verflechtungen des Lebendigen begreift, der sieht … und lernt Demut.

Aber was ist Demut?

Demut ist nicht die Anerkennung einer Entwicklung, die uns gnadenlos ins Verderben reißt. Demut ist nicht die Ergebung in das Unumkehrbare, Todbringende. Allzu viele Menschen hängen falschen Vorstellungen an und sind nicht in der Lage, über sich selbst hinauszudenken. Sie wählen die falschen Führer, vertrauen den falschen Versprechen von grenzenlosem Wachstum und technischer Beherrschbarkeit – oder sie halten den Lauf der Dinge für ein Schicksal, gegen das kein Handeln mehr möglich sei.

Das ist keine Demut. Das ist Verzicht auf Verantwortung!

Falsche Demut nimmt die Macht jener Herrschenden hin, die glauben, dem eigenen Schicksal zu entrinnen, wenn sie nur genügend Bomben auf vermeintliche Feinde werfen. Die ihr Volk mit erbarmungsloser Härte oder Lügen regieren. Falsche Demut beugt sich vor denen, die sich für unfehlbar halten, sich selbst vergöttern und alles tun, was Vernunft und Mitmenschlichkeit widerspricht.

Falsche Demut sagt: So ist der Mensch. So ist die Welt. So war es immer.

Wahre Demut sagt: Wir sind fehlbar. Wir sind verführbar. Wir tragen das Tier in uns: die Angst, den Hunger, den Kampf um Rang und Revier. Aber wir sind nicht dazu verurteilt, ihm blind zu gehorchen.

Wie ein Tier nur im Hier und Jetzt zu leben, mag eine beruhigende Möglichkeit sein, den Lauf der Dinge zu ertragen. Doch wird sie unserem Menschsein gerecht? Sind wir nur dazu da, zu nehmen, solange etwas zu nehmen ist? Zu schweigen, solange andere schreien? Uns einzurichten im Unrecht, solange es uns selbst noch verschont?

Ist Demut Unterwerfung? Die völlige Annahme des Unausweichlichen? Ergebenheit?

Oder sind es gerade diese Formen falscher Demut, die es den größenwahnsinnigen Herrschern ermöglichen, ihre Macht auszubauen – und alles zu bremsen oder zu zerstören, was uns zu wahren Menschen machen könnte?

Zu Menschen, die die weltumspannenden Auswirkungen ihres alltäglichen Tuns erkennen – und damit auch ihre wahre Macht. Zu Menschen, die sich freikämpfen von den alten Mustern des Gegeneinanders. Zu Menschen, die wissen, dass es ihnen selbst nur gut gehen kann, wenn es möglichst allen gut geht.

Demut ist das Gegenteil von Hochmut. Sie ist nicht Schwäche, sondern Klarheit. Nicht Unterwerfung, sondern Wachheit. Nicht Selbstverachtung, sondern die reife Einsicht, dass kein Mensch, kein Volk, keine Ideologie und keine Technik über dem Ganzen steht, das uns hervorgebracht hat und erhält.

Demut ist die unbedingte Voraussetzung für ein Handeln, das auf das Wohl aller Menschen zielt – und über den Menschen hinaus auf das Wohl alles Lebendigen. Sie anerkennt unsere Fehlbarkeit, unsere Begrenztheit, unsere Neigung zur Selbsttäuschung. Gerade deshalb verlangt sie Mut: den Mut, innezuhalten; den Mut, Macht zu begrenzen; den Mut, weniger zu nehmen; den Mut, den falschen Göttern von Wachstum, Gewalt und Besitz die Gefolgschaft zu verweigern.

Diese Demut könnte uns vor dem bewahren, was wir selbst entfesselt haben.

Noch ist Demut möglich.

Noch können wir lernen, dass Freiheit nicht darin besteht, alles tun zu können, sondern das Richtige zu lassen. Noch können wir begreifen, dass Macht nicht darin besteht, die Welt zu unterwerfen, sondern sie zu schützen. Noch können wir aufhören, Herren der Erde sein zu wollen, und anfangen, wahre Menschen zu werden.

Denn der weise Mensch wird nicht daran erkannt, dass er siegt.

Er wird daran erkannt, dass er rechtzeitig versteht.

2 Kommentare zu „T5: Lahntal…“

    • Hej Joachim,

      es freut mich, dass sich jemand gefunden hat, der diesen Beitrag gelesen hat! Ja, in der Tat ist das Philosophieren über Mensch und Welt seit Jahrzehnten meine ganz große Leidenschaft… Allein, die „Stoßrichtung“ ändert sich mit dem Älterwerden und den zunehmenden Erfahrungen über den Lauf der Dinge. Truman Capote hat gesagt: „Glück bedeutet Gelassenheit. Wer glücklich sein will, muss Zeit für die Ewigkeit haben“. Lass es dir gut gehen: Als Orni und Kanute braucht man gewiss auch viel Gelassenheit 😉

      Antworten

Schreibe einen Kommentar