Sabine:
Gestern war Hanspeter-Tag. Das heißt, dass wir jeden Sonntag mit unserem besten Freund telefonieren, die Verbindung nach Hause halten, Neues erfahren und berichten.
Und er hat schon gemerkt, was mich (und auch Frank, wenn auch weniger) umtreibt. Was wochenlang unser Motto gewesen ist: „Der Weg ist das Ziel“ hat sich gewandelt zu: „Zu Hause ist das Ziel“.
Noch immer haben wir schöne Radstrecken und noch immer ist die Neugier da auf den Rhein, auf die Landschaft, die sich ändert, der Fluss, der sich entwickelt. Und noch immer sitze ich gerne morgens auf und freue mich über den Fahrtwind.
Meine liebe Nachbarin ahnt es auch schon: „Ich könnte mir denken, dass ihr jetzt schon mehr und mehr an zu Hause denkt …“. Stimmt, liebe Damaris, man kann sagen, dass die „Luft raus ist“.
Es ist eine merkwürdige Zwischenwelt, in der wir uns befinden. Die Gewohnheit lässt uns all die Dinge tun, die wir seit Wochen täglich tun: Einpacken, auspacken, Rad beladen, fahren, pausieren, staunen, schön finden, „guck mal“ sagen, Versorgung sichern, ankommen, managen, radeldidö schreiben, Strecke planen, sehr müde in den Schlaf sinken.
Das, was ich mir im Vorfeld so sehnlichst gewünscht habe – nämlich den ganzen Tag unter freiem Himmel zu sein, frische Luft 24/7 zu genießen, Zeit zu haben, die Seele baumeln zu lassen, einfach nicht aufhören zu müssen damit – habe ich 9 Wochen lang gehabt. Und zwar sehr intensiv und mit sehr viel Wetterglück und glücklichen Umständen. Und jetzt reicht es mir. Ich möchte saubere Wäsche, meine Küche, selber entscheiden, was gekocht wird, die Toilette nur wenige Schritte entfernt, nicht mehr packen und schleppen, eine Waschmaschine, frischen Kaffee, Wimperntusche, andere Schuhe, dreckfreie Taschen und Kleidung, Läden, die ich kenne – und vor allem möchte ich meine Freunde und Familie, Embla, den Chor, die Kollegen und Nachbarn in die Arme schließen. Ich will nicht mehr klebrig sein von Sonnencreme, schmutzige Füße haben vom Zeltboden, ein zwar gelüftetes, aber irgendwie muffig riechendes Kissen unter meinen Kopf schieben, keinen Kettenschmier an der rechten Wade abreiben müssen, nicht mehr hoffen, dass das Wlan vom Campingplatz funktioniert.
Ich stelle mir vor, wie ich in meinem Bett zu Hause wach werde, den Sternenhimmel unter der Decke betrachte und es noch nicht begreifen kann, dass wir diese Strecke gefahren sind. Dann möchte ich eine große Tasse Kaffe kochen, sie mit ins Bett nehmen und ein Loch in die Luft gucken, bis ich nochmal einschlafe. Ich werde verdrängen, dass wir uns um den Garten kümmern müssen, dass der Herbst vor der Tür steht und dass ich mich wieder an die Arbeit gewöhnen werde. …
Aber bis dahin sind es noch einige Tage. Wir ziehen dran und fahren längere Strecken als bisher. Da es nur noch bergab geht, ist das möglich. Aber nach ca 60 km haben wir beide keine Lust mehr, der Popo ist dann genug durchgenudelt und mir kommen die Gedanken, die ich oben beschrieben habe. Hinzu kommt, dass auch das Wetter sich irgendwie verändert. Es ist noch immer warm und außer gelegentlichen Schauern, Gewittern und Böen durchaus annehmbar. Möglicherweise macht uns der berüchtigte Wuppertaler Regen das Heimkommen noch besonders angenehm. Wir werden es sehen. Auch heute überrascht uns ein ungeplantes heftiges Gewitter am Campingplatz. Glücklicherweise gibt es ein grosses Dach über Tischtennisplatten, darunter können wir uns aufhalten, das ist o.k. Wir sind zufrieden, alles ist gut. Und wir wissen, dass wir aus der Zeit, die wir hatten, das allerbeste herausziehen konnten und auch noch werden. Vielleicht ist es ganz gut, noch diese „Abgewöhnungsphase“ zu durchleben, vielleicht machen diese letzten Tage unsere Reise noch richtig „rund“. Das könnte sein. 🙂 Wir werden berichten.


















3 Kommentare zu „T70: Oberrhein abwärts → Hardtebenen“
Wie schön ehrlich Ihr schreibt❣
Hey ihr zwei,
ich kann mir gut vorstellen, dass nach so vielen Wochen auf dem Rad irgendwann die Luft raus ist. (Das habe ich schon oft erlebt auf unseren Fahrradtouren.) Drei Monate unterwegs zu sein, klingt im Rückblick unglaublich – aber wenn jeder Tag wieder Kilometer, Gegenwind, Müdigkeit, neue Straßen und neue Herausforderungen bedeutet, darf die Stimmung auch mal im Keller sein. Das gehört dazu. Alles, was ihr gerade erlebt, ist ein Teil eures Weges dorthin. Ihr müsst nicht jeden Tag genießen. Ihr müsst nicht ständig glücklich und euphorisch sein. Manchmal reicht es einfach, einen Tag nach dem anderen zu fahren und zu wissen: „Bald sind wir zuhause“;)
Und irgendwann sitzt ihr wieder zuhause. Die Räder stehen irgendwo im Keller rum, ihr schlaft im eigenen Bett, kennt die nächste Mahlzeit schon vorher und müsst euch nicht mehr fragen, wo ihr heute Abend landet. Und dann werdet ihr zurückblicken und wahrscheinlich denken: Krass.Wir haben das wirklich gemacht.Nicht jeder Kilometer muss schön sein, damit die ganze Reise großartig war. Wenn gerade ein bisschen die Luft raus ist, dann nehmt sie raus. Flucht über den Gegenwind. Seid genervt. Macht einen langsamen Tag oder einen schnellen ;). Aber vergesst nicht, wie weit ihr schon gekommen seid. Ihr müsst die Reise nicht perfekt zu Ende bringen. Ihr müsst sie nur nach Hause bringen. Und genau da wartet das schönste Ziel auf euch.
Noch ein Stück. Noch ein paar Kilometer. Dann seid ihr wieder da und alle eure Freunde, Nachbarn, aber vor allem Inga warten dort auf euch.
VG Heike
Es tut gut zu wissen, dass ihr das auch kennt:-) Noch ist die Laune gut, die würde sich wohl mit Dauerregen ändern…???
LG und danke für die lieben Worte.
Sabine