3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

T65: Bodensee Südufer → Hochrhein

Sabine:

DER Campingplatz gefällt mir. Anstelle von WC-Kabinen oder Duschkabinen gibt es Badezimmer mit allem drin, abschliessbar, sauber, richtig nobel. Leider müssen wir weiter … wir sind ja nicht zum Spaß unterwegs. :-))

Die Schweizer Seite des Bodensees gefällt uns nicht richtig gut. Zwar gibt es perfekte Fahrradwege, sicher, gekennzeichnet, glatt. Jedoch wechseln sich ewige Obstplantagen (gesichert) ab mit Industrien, Gewerbe und Obstplantagen (Zaun drum). Immerhin gibt es einige wenige Möglichkeiten, zum See selbst zu gelangen. Das war unserer Erinnerung nach vor vielen Jahren auf der Nordroute komplett unmöglich.

Erst der untere Bodensee, d.h. der sog. „Untersee“ kommt freundlicher daher und punktet mit lieblicher Landschaft, netten Orten und schönem Blick aufs Wasser. Da ist eine Kaffeepause mit Seeblick durchaus noch mal angebracht.

Wir sitzen da, schauen übers Wasser und stellen fest, dass wir beide ein Abschiedsgefühl haben. Die Alpen sind nicht mehr sichtbar, in den nächsten Tagen erwarten wir keine Highlights und der Heimweg den Rhein hinunter erscheint uns wie … na … eben wie der Heimweg. Alle prickelnde Erwartung, all das Neue und Begehrenswerte liegt gefühlt hinter uns und es macht sich eine gewisse Reisemüdigkeit breit. Wir wären beide gern auch wieder zu Hause, freuen uns auf unsere Lieben, das gewohnte und manchmal auch bequemere Leben und besonders darauf, dass ich in meiner eigenen Küche kochen darf und kein Kindergeschrei, Zugdurchfahrten oder Autolärm im Schlafzimmer ertragen muss.

Aber so richtig loslassen vor der Runde wollen wir auch noch nicht, es wäre doch zu schön, wieder fahrend dort anzukommen, wo wir am 22.6.26 losgefahren sind. Wir beschließen, erst mal weiterzumachen und Tag für Tag neu zu entscheiden, wo oder wie die Reise weitergeht.

Da wir gut vorankommen und morgen ein heißer Tag werden soll, finden wir es eine gute Idee, heute noch zehn Kilometer dranzuhängen, um diese morgen zu sparen. Wir sind in der Schweiz und haben deswegen kein Internet, wollen uns nicht mit unverhältnismäßigen Durchleitungsgebühren abzocken lassen. Nach einigem Hin- und Her und mit Restakku an meinem Fahrrad erreichen wir planmäßig den Campingplatz, den wir angepeilt hatten. Jetzt sind wir auch wirklich geschafft und froh, endlich angekommen zu sein.

Doch Frank kommt mit einer schlechten Nachricht: „Daumen runter, es ist alles voll.“ Die Dame war recht unwirsch. Und der nächste Platz Rhein hinab sei ebenfalls belegt.

Uff, jetzt haben wir die Situation, ich kann es nicht glauben, kein Platz für ein kleines Zelt??? Entschlossen marschiere ich in Richtung der Rezeption, frage höflich nach einer Notlösung, erkläre, dass wir nicht mehr weit fahren können und bitte um eine kreative Lösung. Platz hat der Campingplatz nämlich genug, das sehe ich. Antwort der „Dame“:

„Das ist Ihr Problem, nicht meines“. Ich bin fassungslos, will aber nicht so schnell aufgeben und erkläre, dass wir in einer gewissen Notlage seien und dass doch Platz genug dort sei. Und wieder:

„Na und? Das ist doch nicht mein Problem. Wir sind voll“. Auf die Frage, was sie uns nun raten würde, zu unternehmen, wir kämen wirklich nicht mehr weit, wieder die Antwort: „Das ist nicht mein Problem, es ist mir auch egal“.

Soviel Kaltschnäuzigkeit habe ich schon lange nicht mehr erlebt, meine Höflichkeit ist aufgebraucht und auch ich werde nun spitz: „Sie könnten uns helfen, Sie wollen es nur nicht“.

Dass ich noch lebe, verdanke ich dem Umstand, dass sie nicht so schnell aus ihrem Fenster rausspringen kann, sonst hätte sie sich in meinen Kehlkopf verbissen. …

Frustriert fahren wir zum nächsten Ort, setzen uns auf eine Bank und befragen das Internet, was zum Glück schwach ist, aber funktioniert. Gleichzeitig frage ich Passanten um Hilfe oder Information, wo ein Campingplatz zu finden sei? Gegenüber auf der deutschen Seite, da sei ein neuer Platz, da sei bestimmt was frei. … Ein freundlicher Herr gibt bereitwillig Auskunft und bietet mir an, meinen Akku in seinem Geschäft etwas zu laden, während Frank ohne Gepäck rumfährt, um eine Schlafstelle für uns ausfindig zu machen.

Als er wiederkommt, zeigt er bereits den Daumen nach unten. Der „Campingplatz“ sei nur für Wohnmobile, Campen streng untersagt. Wir versuchen, im nächsten Ort am dortigen Campingplatz anzurufen. Kein Netz. Keine Navigation. Der freundliche Herr wählt auf seinem Handy und drückt es mir in die Hand. Es meldet sich niemand. Währenddessen fragt Frank nach Gasthöfen o.ä., kommt aber erfolglos zurück. Kein Bett frei in diesem Ort. Der hilfsbereite Nachbar ruft einen bekannten Bauern an, will uns dort unterbringen. Niemand meldet sich dort.

Mittlerweile bin ich bereit, um Kirchenasyl zu ersuchen oder die Polizei um eine Zelle zu bitten.

Da mein Akku für einige Kilometer mehr Strom bekommen hat, machen wir uns auf den Weg auf die andere Rheinseite, in der Hoffnung, dort telefonieren zu können. Da steht eine große Tafel mit Pensionen. Leider kein Netz, kein Empfang, keine Navigation. Wieder packt Frank den PC in der Sonne aus und kann uns ein Zimmer in Gailingen buchen. Dorthin geht es nochmals den Berg hinauf und bei einer militärisch-zackigen Chinesin finden wir das Bett für die Nacht. Die Lust zum Kochen ist mir vergangen und so gibt es thailändisches Essen Abends um Acht. Ich bin wirklich platt und immer noch fassungslos, wie diese grauenvolle Frau uns behandelt hat. Ein wenig tröstet es mich, dass der freundliche Helfer das zum Zeltplatz zugehörige Restaurant kennt und ebenfalls meidet aus ähnlichen Gründen. …

3 Kommentare zu „T65: Bodensee Südufer → Hochrhein“

  1. Was für eine schreckliche Erfahrung von Unfreundlichkeit❣😡
    Wie gut, dass Ihr dabei den Humor nicht völlig verloren habt:
    „Mittlerweile bin ich bereit, um Kirchenasyl zu ersuchen oder die Polizei um eine Zelle zu bitten.“😅

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  2. Die Reisemüdigkeit kennen wir. Wenn die Gefühle von Abenteuer und Neuem schwinden, sehnt man sich wieder nach dem Zuhause. Zumal wenn noch negative Erfahrungen (frustrierende Suche nach einer Bleibe für eine Nacht) dazukommen! Aber: Haltet durch!!! Das Erlebnis, die große Runde, die man sich vorgenommen hat, „sauber“ zu Ende gefahren zu sein, macht einen am Ende richtig stolz 😀

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    • Wie wahr! … Vielleicht schummeln wir ein wenig und verschiffen uns auf den Rhein für einen Tag oder so – falls die wieder fahren 😉 Das fände ich aber immer noch „sauber“. 😉

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