3 Monate auf dem Rad durch das Herz Europas

Vorgeschichte

Sabine:

Warum? … und wie es begann!
Es ist nicht so leicht, zu erklären, wie die Idee entstand. Natürlich lieben wir es, mit dem Rad unterwegs zu sein. Natürlich haben wir gern Urlaub und entdecken die Umgebung. Und ja, schon immer faszinierte uns die Vorstellung, einfach nicht zurück zu müssen, sondern immer weiter, weiter, weiter zu ziehen. Das haben wir oft gemacht – früher – auf unseren Lapplandwanderungen: mit Rucksack und Zelt, in Schwedens nördlichster Wildnis. Den Horizont vor Augen, Karte und Kompass immer dabei. Es gibt nichts schöneres, als abends erschöpft, aber überglücklich vor dem Zelt zu sitzen, den fortschreitenden Abend zu beobachten und später todmüde in den Schlafsack – die “Penntüte” – zu kriechen und die müden Muskeln auszuruhen… um morgens bei hoffentlich trockenem Wetter und schmerzenden Hüften (vom Rucksackgurt) die neuen Verlockungen zu erwandern.

Ebenso fasziniert haben uns unsere Wanderungen mit unserer kleinen Islandstute Svertla, die unser Gepäck (welches wir nicht mehr selber tragen wollten) brav für uns nach Paderborn und ein weiteres mal nach Trier getragen hat. Wir haben die Veränderung der Landschaft, der Gegebenheiten, der Dialekte, der Kulinarik und der Menschen immer wieder spannend und interessant empfunden. Vor allem gab es eine gefühlte Zeitdehnung, die aus einer oder zwei realen Wochen gefühlte 6 Wochen gemacht hat. So reich waren wir an Erlebnissen und Eindrücken.

Soweit so gut. … Wenn wir in Rente gehen, so unser Plan, dann machen wir nochmal eine richtig lange und schöne Tour. Davon haben wir schon jahrelang gesprochen, ein vager Traum. Und über die Jahre stellte sich dann schleichend ein wenig Realität ein: Können und wollen wir überhaupt noch auf so einer dünnen Trekkingmatte übernachten – jetzt, wo wir 40 Jahre älter geworden sind??? Kann ich überhaupt in ein Zelt hineinkriechen und morgens oder vielleicht sogar nachts wieder heraus? Machen meine gebrochenen Handgelenke und der umgeknickte schmerzende Fuss das mit? Schon zuhause fällt es mir schwer, vom Boden ohne Stütze aufzustehen (Traurig aber wahr). Können wir auf den Knien rutschen, aus dem Campingkocher eine gesunde Mahlzeit kochen, schlechten Wetterbedingungen widerstehen, lieben wir nicht sowieso mittlerweile die Bequemlichkeit? Nicht ohne Grund hatten wir vor einigen Jahren ein Wohnmobil angeschafft und scherzen seitdem: „Das ist Zelten für Ältere“ … Und nun eine Langstreckenwanderung unter erschwerten Voraussetzungen? Wollen wir das? Können wir das? Die Lust ist vorhanden, die Vorstellung dagegen mit Zweifeln belegt.

Und so wurde ein „Aber“ nach dem anderen getestet: aus dem Liegen vom Boden aufstehen? Ja, unelegant, auf Ellenbogen und Knien rutschend, mit den Spezial-Entenschuhen an den Füssen (barfuß ginge nichts mehr) und auf Fäusten bzw. Fingerspitzen stützend, Hintern zuerst hoch – so geht es 🙂

Auf dem Boden sitzen? Lieber nicht, aber mit leichten Campingstühlen zum Zusammenklappen ist es doch sehr gemütlich und entspannend.

Können wir noch zelten? Wir haben es ausprobiert und fanden es wider erwarten doch so schön wie eigentlich immer schon. Zugegeben: Die leichten Isomatten haben wir getauscht gegen 10 cm-Luxus-Matten, fast schon Gästebetten. Ein Kopfkissen war dabei und unsere für minus 15 Grad geeigneten engen Schlafsäcke wurden getauscht gegen selbst hergestellte superleichte Steppbetten, die uns Bewegungsfreiheit und Komfort garantierten. Und dann stand fest: Ja, mit unserem Renteneintritt möchten wir uns eine Langstreckenwanderung schenken, einen Lebensabschnitt feierlich zelebrieren und vieles eine lange Zeit hinter uns lassen.

Freunde von uns waren vor langer Zeit einmal von zu Hause bis nach Rom gewandert und hatten damals begeistert von ihren Erfahrungen berichtet. So etwas ähnliches schwebte uns ebenfalls vor. Wenn da nicht das Problem mit meinem verletzten Fuß wäre, der von Jahr zu Jahr mehr schmerzte und längere Wanderungen boykottierte. Schon damals auf unserer Ponywanderung hatten wir sicherheitshalber Krücken am Pferd befestigt, was uns manchen belustigten Blick einbrachte. Und so lag der Gedanke nicht fern, statt mit den Füßen – mit dem Fahrrad zu wandern. Und so begann die Planungsphase :-)))

Frank wäre gerne nach Barcelona geradelt – da hatte ich keine Lust drauf. Mein Spanisch zu schlecht, Hitze im Sommer und wenig Radwege.

Venedig hätte es sein können. Da hat uns doch eine Freundin tatsächlich abgeraten. Florenz kam ins Spiel, aber auch dafür konnten wir uns letztendlich nicht begeistern. Auch der Gedanke, mit den Fahrrädern und dem Anhänger nebst reichlich Gepäck mit Bus und Bahn anzureisen, war nicht wirklich erbaulich. Verspätete Züge, wechselnde Gleise, defekte Aufzüge u.ä. machten diese Form der Anreise sehr unattraktiv. Und so blieb eigentlich nur eines: Aus der Haustür rausfahren und irgendwann mit dem Rad auch wieder zu Hause ankommen. Erst runter Richtung Alpen, dann längs durch die Alpen und später die ganze Alpenkette im Blick bis zum Bodensee, dann am Rhein entlang wieder Richtung Heimat. Das war es. Das lockte uns beide, das fanden wir beide spannend und angemessen.

Frank, der Karten-Guru, hat sich als allererstes an die Tourenplanung gemacht. Das macht ihm Spass, da ist er Spezialist. Die 3300 km lange Strecke war fertig, bevor sonst irgendetwas als fertig oder durchdacht bezeichnet werden konnte. Und so nahm der Plan, den wir seit Jahren durch unsere Köpfe schoben, langsam eine Form an. An der Stelle möchte ich meiner Chefin ein dreifaches „sie lebe hoch“ zukommen lassen, weil sie meine langersehnten Pläne durch ihre großzügige und verständnisvolle Art so selbstverständlich unterstützt, so dass ich kaum weiß, wohin mit meinem Glück … und auch so nebenbei gesagt, auch gar nicht mehr das Bedürfnis habe, vorzeitig in Rente zu gehen. Aber das ist eine andere Geschichte :-).